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Am Sessel prangt ein feuchter
Fleck, unzweifelhaft frisch und ebenso unzweifelhaft
von einem Rüden stammend, der das Bein gehoben
hat.
Es gibt hier nur einen
Rüden, und mein wütender Blick nagelt ihn
fest.
„Robbie, komm her!“
Robbie erwägt diese Aufforderung.
Der Ton gefällt ihm nicht.
„Robbie, komm her! Hierher!
Sofort! Aber sofort!!!“
Er erhebt sich mühselig,
kommt schwerfällig auf seinen krummen Vorderläufen
zu stehen und watschelt, vollständig invalid
aber gehorsam, auf mich zu.
„Töle!“ sage ich zwischen
den Zähnen. „ Versuch ja nicht mich zu vergackeiern,
indem du Quasimodo spielst, du Chaot! Du
rennst wie Spurtkurt, wenn’s drauf ankommt,
also lass die Faxen! Was ist das hier?“
Und ich deute auf den
Fleck.
Er beäugt den Fleck ebenfalls,
ist aber offensichtlich nicht der Ansicht,
dass er einer Erklärung bedarf, also lässt
er freundlich eine tropfende Zunge heraushängen
– was mich nicht vergnügter stimmt -und
schweigt diplomatisch.
„Ich werde dir sagen
was das ist!“ schnauze ich. „Pfui ist das!
Jawohl! Pfui!“
Er dreht den Kopf zur
Seite und sieht aus als wolle er sich am
liebsten auch in einen feuchten Fleck verwandeln.
Ich bleibe unversöhnlich.
„Hör zu mein Sohn!“ erkläre
ich drohend, „ damit keine Missverständnisse
aufkommen: wenn hier jemand das Bein hebt,
dann bin ich das, verstanden?“
Er blickt skeptisch aber
wohlwollend, so als sei er durchaus bereit
sich noch weitaus größeren Schwachsinn von
mir anzuhören, wenn das bewirkt, dass ich
nicht mehr sauer auf ihn bin.
„Streuner!“ sage ich vernichtend
und er klopft zaghaft mit dem Schwanz, obgleich
die letzte Bemerkung nicht nur menschsgemein,
sondern auch ausgesprochen ungerecht war,
denn sein Streunerdasein hat er sich schließlich
weder ausgesucht noch jemals gewollt.
Ich putze an dem Fleck
herum, um jegliche Duftmarke wenn möglich
unriechbar zu machen, da kommt er an. Das
massige Haupt tief gebeugt, so tief es nur
geht, - was allerdings bei knapp 30 cm Schulterhöhe
nicht allzu tief ist – ein unsäglich erbarmungswürdiges
Bild größtmöglicher Reue und Bußfertigkeit,
stupst er mich vorsichtig und leise grummelnd
an und ich verstehe leider jedes Wort, das
er da nicht sagt.
„Tut mir leid“, brubbelt
er, „tut mir wirklich furchtbar leid, dass
du so sauer bist. Wusste ich doch nicht.
Ich dachte, ich bin jetzt hier zu Hause.
Ich dachte, das ist jetzt mein Revier und
das muss ich doch markieren. Sonst kommt
noch einer rein und nimmt es mir wieder
weg. Aber ich nehme an, es ist dein Revier.
Ich versuch’ dran zu denken. Aber sei wieder
gut!“
Er kann es wirklich prima.
Er kann es absolut super. Meine Tochter
muss ihm Unterricht gegeben haben, in dem
„wie-mache-ich-Mama-locker-ein-schlechtes-Gewissen-Fach“. Er könnte sie fast toppen.
„Ist schon gut alter Junge“
sage ich, einem geschmolzenen Käse nicht
unähnlich. „Ich hoffe, du findest ein Heim
mit einem Riesengarten und einem stabilen
Zaun, den du alle 5 cm markieren kannst
und der dir ganz allein gehört!“
Ja, antworten seine Augen,
Garten und Zaun und Markieren klingt nicht
übel, aber ich bin hier auch zufrieden.
Man kann nicht alles haben und als Rudelführer
bist du ganz in Ordnung auch wenn du überhaupt
nicht wie ein Mann riechst. Ich mag dich.
Merkst du das nicht?
Und seine tropfende Zunge,
die lang wie eine Wetterfahne aus seinem
schwarzen Gesicht hängt, schlabbert
über meine Füße, liebevoll, demütig und
nass.
Ja, denke ich, und dass
ich heute wieder eine halbe Stunde auf dich
warten musste, weil du stiften gegangen
bist, das hast du wohl vergessen.
Er sieht nicht so aus
als hätte er es vergessen, ganz im Gegenteil.
Es war ein höchst vergnüglicher Ausflug
für ihn, den baldigst zu wiederholen sicherlich
bereits in seinem Terminkalender rot angestrichen
sein dürfte.
Mit ihm spazieren zu gehen
ist eine äußerst einseitige Freude. Es gibt
nur zwei Alternativen: Man behält ihn an
der Leine oder man tut es nicht, was in
etwa der zwischen erhängen und erschießen
entspricht: man ist auf jeden Fall hinterher
mausetot.
Hat man ihn an der Leine
wird er einem die Arme aus den Gelenken
reißen, denn sowie das Tor sich öffnet und
der Duft der Freiheit um seine schwarze
Nase fächelt, rennt er los. Und er ist ein
Bulle. Er ist klein und hat krumme Beine,
aber er ist ein kleiner, krummbeiniger Bulle
mit der Ausdauer eines Marathonläufers und
der Schnelligkeit eines Motorrollers. Ein
Greyhound wäre ihm möglicherweise gewachsen
– ich bin es auf keinen Fall, nicht mal
auf dem Fahrrad, ganz abgesehen davon, dass
er mich, rücksichtslos über Stock und Stein
und Ackerfurchen rennend, nach maximal 2
Metern aus dem Sattel holen würde.
Erschwerend hinzu kommt,
dass er, an der Leine hängend, höchst negative
Gefühle gegenüber seinen Artgenossen entwickelt,
vor allem gegen die ohne Leine – durchaus
verständliche Gefühle der Minderwertigkeit
– was in diesem Augenblick aber weder den
erschrockenen Besitzern der anderen Hunde
noch diesen selbst zufriedenstellend erklärt
werden kann, vor allem dann nicht, wenn
diese die Kriegserklärung freudig angenommen
und ihrerseits zum Angriff geblasen haben.
Lässt man ihn von
der Leine rennt er auch los und der einzige
Vorteil besteht darin, dass er sich nunmehr
nicht im Geringsten für andere Vierbeiner
interessiert – nicht mal für die Damen –
sondern ausschließlich fürs rennen.
Mit dem Fahrrad habe ich
ihn noch nie eingeholt.
Das erste Mal bin ich
noch hinterher gejagt – ein sinn- und hoffnungsloses
Unterfangen, denn sowie er spitzgekriegt
hatte dass ich ihm hart auf den Fersen war,
verfiel er in einen Galopp, der ihm in Hoppegarten
zumindest einen Ehrenpreis eingetragen hätte.
Er hängte mich mit einer Leichtigkeit ab,
für die ich ihm als unbeteiligter Zuschauer
sicherlich applaudiert hätte, die mir unter
diesen Umständen jedoch lediglich unfromme
Verwünschungen über meine Dämlichkeit, dieses
unzurechnungsfähige Biest, das ganz offensichtlich
mit außerordentlicher Sturheit die nächsten
fünf Kilometer weiter bis zur nächsten Hauptverkehrstraße
zu rennen gedachte, um sich dortselbst vor
einen Autobus zu werfen, von der Leine gelassen
zu haben, entlockten. Mein hinter ihm her
schallendes Gebrüll spornte ihn offensichtlich
zu noch härterer Gangart an und da
mir mittlerweile, sowohl ob der ungewohnten
Hast wie auch der Angst, das vermaledeite
Tier könne zu Schaden kommen, die Luft knapp
wurde, stellte ich es ein. Und dann stellte
ich die Jagd ein.
Das Ende des langen Feldweges
war gekommen und 20 Meter weiter lag die
Straße. Irgendein Rest von Instinkt sagte
mir, dass eine weitere Verfolgung nicht
nur sinnlos war sondern gut und gerne ins
Verderben führen konnte – in seines ebenso
wie in meines, denn ich war doch für ihn
verantwortlich. Und wenn ich auch nicht
begriff, warum er vor mir wegrannte, war
doch nicht zu übersehen, dass es genau das
war, was er tat.
Also blieb ich stehen.
Und er blieb auch stehen.
Er äugte zurück, bereit
den Lauf fortzusetzen, falls ich es wünschte.
Ich wünschte es nicht.
„Robbie“, sagte ich schnaufend,
bereit die Sache zu diskutieren, „Junge
komm’ her. Komm’ bloß her! Ich hab’ keine
Ahnung, warum du rennst wie ein Blöder,
aber hier darfst du nicht weiter! Da vorne
ist die Straße. Weißt du was eine Straße
ist?“
Natürlich weiß er, was
eine Straße ist.

Er ist ein Straßenhund,
aufgewachsen in den Straßen von Varna am
Schwarzen Meer, wo die Verkehrsregeln offenbar
ausschließlich die exorbitante Benutzung
von Gas und Hupe vorsehen, und dort, im
Wilden Süd - Osten, hat er immerhin die
ersten drei oder vier Jahre seines Lebens
überstanden.
Auf diesen Straßen, Plätzen
und Märkten überlebt nur der Schlaueste.
In einer Stadt wo an die
10.000 Straßenhunde Futter suchend
herumziehen, sich mit Rentnern und
Obdachlosen die Abfalltonnen teilen, wo
Rotten schwarz gekleideter Hundefänger mit
ihren Würgeschlingen lauern, wo brave Bürger
Brotreste mit Strychnin auslegen und wieder
andere auf der Suche nach geeigneten Objekten
für Hundekämpfe sind, braucht es mehr als
Glück, um älter als ein Jahr zu werden.
Der Straßenverkehr ist
da nur eine von vielen tödlichen Gefahren.
Robbie tauchte irgendwann
am Fontänenplatz auf, streunte auf der Einkaufsmeile
herum, bettelte vor den Restaurants, bekam
Fußtritte, schlief im Gebüsch und erlangte
irgendwann, nach einigen Knurrereien und
Anfeindungen von Rivalen mit älteren Rechten
– die er hartnäckig aussaß – das Recht,
sich Dobra zu nähern, der Inhaberin der
Imbissbude, und, mit anderen Hunden, aber
auch Katzen, an ihren kärglichen Futterspenden
teilzuhaben, die überwiegend aus Brot und
mageren Küchenabfällen bestanden.
Er lernte zusammengeknülltes
Papier zu glätten und die Reste von Schafskäse
oder vielleicht auch Wurst, herauszuschlecken.
Er lernte, welchen Passanten man hinterherlaufen
musste, um darauf zu warten, dass sie etwas
fallen ließen und sei es nur dieses zerknüllte
Papier. Er lernte, vor welchen
Marktständen es sich lohnte zu warten, und
um welche man besser einen Bogen machte.
Er lernte es, genau einzuschätzen, wer zu
einem Fußtritt ausholen würde und wer nicht.
Er lernte es, Hundefänger schon von weitem
zu erkennen und bei ihrem Anblick augenblicklich
zu verschwinden. Er lernte, Mopeds zu hassen
und ihnen rechtzeitig auszuweichen. Und
er lernte es, Touristen von allen anderen
Zweibeinern zu unterscheiden.
Er lernte zu überleben,
von einem Tag zum nächsten.
Dann lernte er das Dreibein
kennen.
Normalerweise ging er
Dreibeinern vorsichtshalber aus dem Weg,
zu schmerzhaft waren die Erfahrungen gewesen,
die er mit solchen Drittbeinen, die so unerklärlich
jählings geschwungen und äußerst treffsicher
eingesetzt werden konnten, schon gemacht
hatte. Und er lernte aus seinen Erfahrungen,
wiederholte sie selten. Also hielt er Abstand,
beobachtete und wartete.
Und begriff ziemlich schnell,
dass es sich hier um ein futterspendendes
Dreibein handelte und zwar eines, das nicht
nur Brot und Abfälle zu bieten hatte, sondern
Fleisch und Wurst.
Ein Treffer! Ein Hauptgewinn!
Fleisch auf dem Speiseplan
– wann hatte es das jemals gegeben? Nicht
mal, wenn die Märkte schlossen, hatte man
eine Chance auch nur die Fleischabfälle
zu ergattern; da waren schon die Alten,
die Armen, die Obdachlosen zur Stelle, und
die hatten immer den Vortritt. Wenn man
Glück hatte blieben Knochen übrig – und
die musste man erst mal erwischen und sich
gegen die Rivalen durchsetzen. Gegen Mütter
mit Welpen gab es ohnehin keinen Stich zu
machen – die hatten das Pré, vorausgesetzt
sie waren schnell und groß genug.
Aber das hier – er konnte
es nicht glauben! Das Dreibein saß auf einer
Bank, jede Menge Tüten um sich herum, aus
denen es unaufhörlich Würste und Knochen
herauszog – und zwar Knochen, an denen noch
Fleisch hing – und verteilte diese ungeheuerlichen
Wohltaten an ein Rudel aufgeregt wedelnder
Artgenossen, zu denen sich jeden Augenblick
mehr gesellten. Er setzte sich in Bewegung,
magisch angezogen von den berauschenden
Düften die um seine Nase wehten und bewirkten,
dass sich seine Körpermitte schmerzhaft
zusammenzog, zu einem Gefühl, das
er längst zu ignorieren gelernt hatte, weil
es immer da war, unabänderlich, ewig, seit
seine Mutter aus seinem Leben verschwunden
und er ein kleiner Welpe gewesen war: Nagender
Hunger.
Das Dreibein war weiblich,
das roch er; und obwohl die Gerüche, die
von den Würsten ausgingen, ihn fast um den
Verstand brachten, nahm er zunächst vorsichtig
Witterung auf.
Und dann wurde er bemerkt,
und dann kam eine Hand von oben und hielt
ihm eine Wurst vor die Nase, die größte,
die göttlichste, die wunderbarste Wurst,
die je vor dieser, seiner hungrigen Nase
gebaumelt hatte und dann ließ er jede Vorsicht
fahren und schnappte zu.
Und rannte weg.

Er wusste nicht woher
dieses dreibeinige Futterwunder so urplötzlich
gekommen war, aber dass es von nun an täglich
etwa zur gleichen Zeit erschien, begriff
er schnell. Vom dritten Tag an wartete er
bereits, lag geduldig in seinem Gebüsch
neben der Imbissbude und ließ den Platz
nicht aus den Augen. Wenn dann die Gestalt
von Ferne erschien, in einer Hand die verheißungsvollen
Tüten tragend, sich mit der anderen auf
das dritte Bein stützend, gefolgt von einem
weiteren Zweibeiner, ebenfalls mit Tüten
beladen, jagte ein Gefühl durch seinen Körper,
das er lange vergessen hatte, eines, das
Wohlbehagen erweckte und Wärme und Sicherheit,
eines, das untrennbar verbunden war mit
dem einzigen Wesen das dieses Gefühl jemals
in ihm ausgelöst hatte und das nun, transformiert
in dieser seltsamen Gestalt mit den drei
Beinen, zurückgekehrt war in sein einsames
Leben und es aufs Neue mit Nahrung und Liebe
umsorgte: Die Mutter.
Denn dass da Liebe war
und das Bedürfnis zu umsorgen und zu beschützen,
das spürte er, und obwohl ihm nicht einer
der Laute die da gesprochen wurden, vertraut
war, vertraute er doch seinem Instinkt,
der ihn selten getrogen und deshalb hatte
überleben lassen. Hier gab es nichts Böses,
keinen Hinterhalt, keine Gefahr, hier gab
es nur Schutz und Geborgenheit. Und Nahrung.
Wer anders als die Mutter
konnte dies sein?
Wohin gehen wir? Nach
Hause, immer nach Hause. (Novalis)
Und doch waren diese köstlichen
Tage begrenzt und auch diese Mutter sollte
ihn wieder verlassen.
Der Herbst ging bereits
ans Abschiednehmen, als er spürte, dass
sich eine Veränderung anbahnte und zwar
eine, die Trauer auslöste. Seine wieder
gefundene Mutter war traurig, er konnte
es spüren, und während ihr Gefährte ihn
umarmte und laut in sein Fell schniefte,
was er zwar nicht schätzte, aber höflich
duldete, begriff er plötzlich, dass sie
fortgehen wollte. Einen Augenblick lang
war er stocksteif vor Bestürzung, dann wich
er zurück, sich aus der lästigen Umarmung
lösend, den Blick nicht von der Mutter wendend,
den Hals vorgestreckt, die Nase unruhig
arbeitend. Sie nahm die Tüten, drehte sie
um, schüttelte sie aus, faltete sie zusammen
und verstaute sie in ihrer Tasche. Sie breitete
die Hände aus, schüttelte sie ebenfalls
und sprach in ihren unverständlichen Lauten.
Die Laute verstand er nicht, aber er verstand
die Gestik, er spürte den Kummer und er
roch den Abschied.
Und dann wandte sie sich
ab und ging langsam, gestützt auf ihr Drittbein
und gefolgt von ihrem Gefährten, die Straße
hinunter, die zu den Autobussen führte und
er setzte sich auf die Hinterläufe und blickte
ihr stumm nach.
Sein Bauch war voll, aber
seine Seele spürte Leere und Kälte und Einsamkeit.
Er hatte sie nicht als
Reisende erkannt, sonst wäre er vorbereitet
gewesen. Reisende kamen und gingen und wenn
man das Glück hatte an einen Richtigen
zu geraten – denn auch unter Reisenden gab
es Gleichgültige und Hundehasser – fielen
ein paar Brocken vom Tisch herunter, was
einen hungrigen Hund durchaus über den Tag
bringen konnte. Aber Reisende kamen nicht
Tag für Tag mit vollen Tüten, die nichts
als Hundefutter enthielten und fütterten
ausgehungerte Tiere. Er konnte nicht wissen,
dass dieser Platz mit der Fontäne keineswegs
die einzige, sondern nur die letzte von
vielen Stationen war, die sie mit ihren
vollen Tüten ansteuerte und dass sie dies
nicht nur in seiner Stadt sondern auch in
einem Ort namens St. Konstantin tat, den
er nicht kannte. Er kannte nur Frauen wie
Dobra, die selbst nicht viel hatten, aber
so gut es ging versuchten einige der „Jauchenköter“,
wie man ihn und seinesgleichen nannte, und
auch die Straßenkatzen durchzubringen.
Er hatte sie für eine
Dobra gehalten, für eine der besonderen
Art.
Und das war sie wohl auch.

Der Winter kam und er
musste ihn mit leerem Bauch überstehen.
Gegen die Kälte schützte ihn sein dicker
Pelz, vor dem Verhungern rettete ihn seine
Intelligenz. Es war ja nicht sein erster
Winter und er wusste noch immer wo die Stellen
waren, wo man Fressbares erwarten konnte.
Und seine Taktik, geduldig vor einer Bäckerei,
Fleischerei oder vor Marktständen zu sitzen,
zu warten bis Käufer das Geschäft verließen
und sich ihnen dann schwanzwedelnd und mit
hängender Zunge in den Weg zu stellen, hatte
oft Erfolg. Die Einkaufenden waren ja allesamt
Frauen, viele davon weichherzig genug, um
einem hungrigen und treu blickenden Vierbeiner
ein Stück Brot zuzuwerfen, was sie selten
taten, waren die Männer dabei.
Nicht dass er ein besonders
hübscher oder putziger Hund gewesen wäre.
Die meisten Menschen fanden
ihn ziemlich hässlich. Aber sie fanden ihn
einzigartig hässlich und es drückte ihm
einen Stempel auf, den er zu Recht trug:
er hatte Charakter.
Fast ebenso oft allerdings
musste er Tritten ausweichen, was auch nicht
immer gelang und schmerzhafte Erfahrungen
bescherte, denn es gab durchaus auch Menschen,
die ihn nur hässlich fanden, weder einzigartig
noch charaktervoll; nur hässlich und lästig
außerdem. Davon wusste er nichts, nichts
von den seltsamen Schöheitsritualen, die
in den Wertvorstellungen der Menschen eine
so extrem wichtige und gleichzeitig zerstörerische
Rolle spielten und er verstand auch nichts
von den Regeln, die den einen Zweibeiner
nach ihm treten und den anderen Futter reichen
ließ.
Er lebte nur sein Leben,
von einem Tag zum nächsten und er versuchte
zu überleben.
Es war eine mühselige
Wanderung zwischen Leben und Tod, zwischen
Hunger haben und verhungern, und das
quälende Gefühl in seiner Körpermitte war
schon lange wieder präsent, ebenso lange
wie das warme Wohlbehagen daraus verschwunden
war.
Aber er kam durch. Er
kam besser durch als die ausgemergelten
Hündinnen, die ihre Welpen ernähren mussten,
dennoch kaum einen von ihnen am Leben erhielten
und sehr häufig auch sich selbst nicht.
Manchmal lagen sie am Straßenrand, bis die
Ordnungskräfte sie wegwarfen, meistens fand
man sie, wenn überhaupt, in den Gebüschen,
gemeinsam mit ihren Welpen. Manchmal starben
sie vor den Kleinen; dann hörte man stundenlang
das leise Jammern der verhungernden Babys,
bis eines nach dem anderen verstummte.
Aus irgendeinem Grund,
den er auch nicht verstand, hatten die Hündinnen
kaum eine Chance gefüttert zu werden, wurden
sie eher mit Tritten und Steinwürfen verjagt
als ihre männlichen Artgenossen, vor allem
dann wenn sie trächtig waren. Das war eines
der vielen sonderbaren Eigentümlichkeiten
der Zweibeiner die er wahrnahm, dass sie
die Mütter nicht hoch schätzten, nicht einmal
die ihrer eigenen Art.
Sie waren es doch, die
das Leben hervorbrachten, wie konnte man
sie verachten, verfolgen, ja töten? Wie
die großen Rudel der Zweibeiner unter diesen
Umständen überhaupt funktionieren konnten,
wenn so grundlegende Prinzipien des sozialen
Lebens missachtet wurden, blieb rätselhaft.
Eigentlich waren sie zum
Untergang verurteilt.

Im Frühjahr kam sie zurück,
die Mutter, und sie kam gerade rechtzeitig
um sein Fell zu retten.
Mit dem Eintreffen der
ersten Touristen hatte Dobra ihren Imbissstand
am Fontänenplatz wieder geöffnet und so
hatte auch er sich dort eingefunden, streunte
auf der Fußgängerzone herum, bezog vor den
Eingängen der Restaurants Stellung und beobachtete
die Parkbänke, ob sich jemand kauenderweise
darauf niederließ, um dann, in angemessener
Entfernung, auf den Hinterläufen sitzend
mit tropfender Zunge geduldig zu warten,
ob etwas für ihn übrig bleiben würde.
Im Allgemeinen hatte man
hier Ruhe vor den Erzfeinden aller bulgarischen
Hunde: den Mopeds. Meist war die Einkaufsmeile
mit Fußgängern zu sehr bevölkert, als das
man sie dort widerspruchslos geduldet hätte.
Aber heute war nichts los und das nutzten
die jugendlichen Zweibeiner um mit ihren
stinkenden und knatternden Rädern auf der
leeren Passage eine Rallye zu veranstalten.
Sie erwischten ihn als er am Opernhaus vorbeitrabte,
sie sehend zu entkommen versuchte um sein
rettendes Gebüsch zu erreichen, es aber
nicht mehr schaffte. Sie trieben ihn vor
sich her, laut johlend, ihre Maschinen auf
höchste Drehzahl schmetternd, und als er
das Ende des Platzes erreicht hatte tauchte
eine weitere Truppe auf und so nahmen sie
ihn von zwei Seiten in die Zange. Dies gewahr
werdend setzte er sich still auf die Hinterläufe
und wartete, während sie einen immer enger
werdenden Ring um ihn zogen.
Was sie zu tun vorhatten
war ihnen zu diesem Zeitpunkt möglicherweise
noch ebenso unklar wie ihm, aber sie erhielten
keine Chance mehr es herauszufinden.
Urplötzlich sauste ein
Stock auf eine der Lenkstangen, haarscharf
vorbei an erschrocken zurückfahrenden Fingern,
zuckte dann hoch und bohrte sich mittlings
in die Frontseite des Schmählichen, ihn
durch energischen Stoß zu Fall bringend,
wodurch das hochtourig laufende Gefährt
gegen den Nachbarn kippte, was einen überaus
gelungenen Domino – Effekt zur Folge hatte,
der wiederum einen ungeheuren Tumult auslöste.
Plötzlich war der Platz voller Menschen,
die den Schauplatz des Desasters umstanden
und die nur eine kleine weißhaarige Frau
sahen, die ihren Stock gegen eine Horde
Jugendlicher schwang, die sie im Kreis,
inmitten umgestürzter Mopeds, umstanden,
und die aus vollem Halse brüllte. Niemand
beachtete den Hund, der sich zusehends verkleinerte,
noch kam jemand auf den Gedanken der Klamauk
könne seine Ursache darin haben, dass jemand
diesen Jauchenköter habe beschützen wollen,
sondern man nahm selbstverständlich an,
die Attacke der Jugendlichen habe der älteren
Frau gegolten und die Reaktion erfolgte
entsprechend. Vom Imbissstand eilte Dobra
herbei, laut schimpfend, während sich auf
der Hauptstraße ein Wagen der Policija näherte
und anhielt. Spätestens jetzt hielten die
Mopedbuben einen Rückzug für opportun, unterbrachen
ihre nutzlosen Verteidigungsreden, griffen
nach den Maschinen und verschwanden in knatternd
hervorgestoßenen Auspuffgasen.
Glücklicherweise verstand
des Hundes dreibeiniger Schutzengel zu wenig
von der Landessprache um die tröstend und
entrüstet Umstehenden über den tatsächlichen
Tathergang aufklären zu können und so blieb
es Dobra, die nichts gesehen hatte aber
alles wusste, überlassen, die Vertreter
der Staatsgewalt über den steigenden Sittenverfall
und die gänzliche Verwahrlosung der bulgarischen
Jugend umfassend in Kenntnis zu setzen.
Man geleitete die Attackierte
fürsorglich zur Bank vor Dobras Imbiss,
offerierte ihr einen Anisschnaps, den sie
ablehnte und den Dobra trank, und einen
Mokka, den sie annahm, während ihr Gefährte,
der plötzlich von Gott-weiß-woher auftauchte,
verheißungsvolle Tüten neben der Bank deponierte.
Robbie hatte die ganze
Zeit bewegungslos auf einem Fleck gesessen;
es schien das Sicherste zu sein. Auch zollte
ihm niemand Beachtung, und er hatte gelernt,
auch dies als das Sicherste anzusehen. Aber
er begriff durchaus, was sich hier gerade
abgespielt hatte, denn eines hatte er nie
lernen müssen, weil er es von Geburt an
wusste:
Leg dich nie mit einer
Hündin an, die Welpen beschützt! Leg dich
am besten überhaupt nie mit einer Hündin
an, auf gar keinen Fall jedoch mit einem
Muttertier, außer du bist lebensmüde!
Die zweibeinigen Junghunde,
die da auf ihn losgegangen waren, hatten
diese elementare Regel verletzt, es schien
fast, als kennten sie sie nicht einmal!
Andererseits hatten sie natürlich auch keine
Ahnung gehabt, in welch unmittelbarer Nähe
sich die Mutter des „Welpen“ – nämlich er
- befand den sie angegriffen hatten,
wenn dies auch nicht die Würdelosigkeit
entschuldigte, die sie einen Wehrlosen attackieren
ließ.
Aber was die Ahnungslosigkeit
anbetraf: auch er hatte nicht gespürt, wie
nah sie war und seine Überraschung
ließ sich mit der seiner Peiniger durchaus
vergleichen, zumindest was den Umfang anging.
Für seine Gefühle gab
es nichts Vergleichbares.
Und dann rief sie ihn,
wieder in diesen unverständlichen Geräuschen,
die sich inzwischen jedoch – weil sie sie
immer und immer wiederholte – zu einer erkennbaren
Melodie formten, aus der sich eine Kadenz
deutlich herausschälte: „Robbie!“ rief sie.
„Robbie! Robbie, komm, komm her! Komm, Robbie,
komm!“
Und dann verstand er,
dass dies sein Name war.
Robbiekomm.

Als Rosi mich anrief,
war ich in erster Linie erleichtert, dass
sie dies aus Bulgarien tat; das hieß, sie
musste sich auf das Wesentliche beschränken,
statt mich in epischer Gründlichkeit über
den Neuwuchs jedes Grashalmes in St. Konstantin
zu informieren. Andererseits war klar, dass
sie dies nicht nur des Schwatzens wegen
tat, sondern einen triftigen Grund haben
musste, der mit Sicherheit vier Beine haben
würde.
Ich hatte noch nicht einmal
die Chance, mein „wie geht’s dir denn“ vollständig
loszuwerden, da war sie schon mitten in
der Geschichte: „...und dann ham’ ihn diese
Halbstarken mit ihren Mopeds umzingelt,
richtich umzingelt, sage ich dir und der
arme kleine Kerl, da saß er und wusste nich’
weiter und hat jezittert und er saß da immer
bei Dobra im Gebüsch und hat auf Banitza
gewartet und der war schon immer im Herbst
da, immer im Gebüsch, da ist so ein großer
Platz und auf der Bank vor Dobra, da sitzen
wir immer und füttern die armen Hunde und
dann komme ich grade richtig und seh’ die
Lümmels und dann bin ich dazwischen, was
meinst du wohl, mit dem Stock bin ich dazwischen
und prostak! hab ich gerufen und glupak
newaspitan! und einen habe ich runtergestoßen
und da sind die anderen auch umgefallen
und was meinst du wohl wie sie Fersengeld
gegeben haben, die Samochvolko, so habe
ich sie auch genannt, aber dann hat Dobra
gesagt, dass die zurückkommen werden um
ihm was anzutun, weil sie sich seinetwegen
blamiert haben und dann konnte ich ihn doch
nicht da lassen....“
„Wer ist Banitza?“ wollte
ich wissen, nach einem roten Faden angelnd,
um den Ein- oder Ausgang der Story zu finden.
„Das ist ein Brot. Mit
Schafskäse. Dobra verkauft das und wenn
sie Reste hat dann gibt sie es den Tieren
und darum...“
„Rosi!“ Ich unterbrach
sie rüde aber entschlossen. „Komm zum Punkt!
Worum geht’s und wo ist der Hund jetzt?“
„Bei mir. Also... bei
Toni... aber da kann er ja nicht bleiben
und das ist ja auch nicht sein Revier und
da dachte ich ... meinst du, ich kann ihn
mitbringen?“
Diese Frage hörte ich
nicht zum ersten- und mit Sicherheit auch
nicht zum letzten Mal. Ich verstand auch,
wie schwer es für sie sein musste. Wie viele
ihrer Schützlinge, denen sie im Herbst die
Bäuche gefüllt hatte, waren im Frühjahr
noch da? Nur wenige überlebten den harten
Winter und die Schießübungen der jagdfreudigen
Bulgaren. Nur wenige, aber immer noch zu
viele um den Kreislauf der unablässigen
Vermehrungen durchbrechen zu können. Ich
verstand durchaus, dass sie wenigstens einen
von diesen erbarmungswürdigen Seelen endgültig
retten wollte, ihn für immer herausziehen
aus dieser Hölle für Tiere.
Nur - wohin?
Ich hatte zwei Hunde,
sie einen (selbstverständlich ein Bulgare),
alle Leute die ich kannte, hatten mindestens
einen, meistens sogar zwei oder mehr Hunde.
Alle mir bekannten Boote waren voll. Sie
redete schon hektisch weiter.
„Er kann ja erst mal bei
mir bleiben...bloß... du weißt doch, der
Stasi-Spitzel... und wenn’s länger dauert
dann macht er mir Ärger, er wollte doch
Mon Cheri (noch ein Bulgare) auch schon
vergiften (war mir neu), weil der immer
durch seinen Zaun durch wollte (ach so),
bloß Goldie, den haben alle gern, (ist auch
ein Goldschatz) da guckt die Alte (Gattin
des Stasi-Spitzels) immer übern Zaun und
schäkert, so als ob sie Hunde leiden könnte,
kann sie aber nicht, ist alles bloß“ - und
dann riss die Leitung.
Es würde ungefähr zehn
Minuten dauern, bis sie ausreichend Kleingeld
zusammengeklaubt hatte um erneut anrufen
zu können, Zeit genug also um mir zu überlegen,
welche Möglichkeiten es gab einen weiteren
bulgarischen Schiffbrüchigen aus der tosenden
See zu fischen. Ich kannte die Situation
da unten viel zu gut um nicht zu wissen,
dass ihr das Herz brechen würde, müsste
sie ihn zurücklassen. Und dafür waren Herzen
wie das ihre zu schade, gar nicht zu reden
davon, dass ich monatelang ihre Ängste und
Befürchtungen und ihr schlechtes Gewissen
auszuhalten hätte. Zu tief saß ihre Angst
noch einmal etwas Ähnliches wie mit Goldie
erleben zu müssen – meine übrigens auch.
Der kleine Wuschel mit
dem goldfarbenen Pelz war ihr im Herbst
1999 in St.Konstantin über den Weg gelaufen,
freundlich, liebebedürftig, hungrig, und
in einem, selbst für bulgarische Verhältnisse,
ungewöhnlichen Maße zutraulich. Er war kein
wirklicher Streuner, sondern suchte einen
Platz im Leben eines Zweibeiners, und dies
mit großer Hartnäckigkeit. Sie schlossen
sich gegenseitig ins Herz, und da kurz zuvor
ihre alte Hündin gestorben war, entschloss
sie sich, ihn mitzunehmen.
Zwei Tage vor dem Abflug
verschwand er und war nicht aufzufinden;
da sie die Ausreisepapiere hatte griff sie
sich kurzerhand einen anderen ihrer vierbeinigen
Gefolgsleute – unglücklicherweise war es
keiner, der zu ihr gepasst hätte, so wenig
wie sein Name zu ihm passte: Mon Cheri.
Er war ein Streuner, souverän,
selbstbewusst, intelligent und freiheitsliebend,
aber auch freundlich und geduldig genug,
sich ein Geschirr umlegen und in eine Transportkiste
verfrachten zu lassen. Ebenso geduldig lief
er an der Leine neben Rosi einher, sich
ihrer langsamen Gangart notgedrungen anpassend;
aber ließ man ihn von dieser Leine verschwand
er blitzartig, so dass von weiteren Versuchen
dieser Art abgesehen werden musste.
Er war nicht glücklich,
auch wenn Rosi hartnäckig das Gegenteil
behauptete.
Letztendlich ließ sie
sich jedoch überzeugen und ich brachte ihn
nach Hessen, wo er bei einer Pastorenfamilie
einzog, die daraufhin im Eiltempo daranging
ihren großen Garten ausbruchsicher zu machen.
Es half nicht allzu viel, denn er
fand immer eine Möglichkeit hinaus zu kommen;
aber da man ihn in der kleinen Gemeinde
bald kannte und als „Pastors Stromer“ tolerierte,
er wiederum nach seinen Spaziergängen -
die ihn durch den Ort zu verschiedenen
Metzgereien und Feinkostläden führten - stets zurückkam, war dies kein Malheur.
Eigentlich führte er genau das Leben, an
das er gewöhnt war, nur dass er jetzt ein
Zuhause hatte, wo ein voller Fressnapf und
ein gemütlicher Schlafkorb auf ihn warteten.
Und er bekam auch einen
passenderen Namen.
Und während all dieser
Zeit hatte Rosi nicht aufgehört von dem
kleinen, goldfarbenen Rüden zu erzählen.
Sie machte sich große Sorgen um ihn und
Vorwürfe, nicht intensiver nach ihm gesucht
zu haben.
Im Frühjahr flog sie wieder
hinunter und als ich sie zum Flugplatz brachte,
war sie fast außer sich. „Ihm ist was passiert!“
sagte sie immer wieder. „Ich hab’s geträumt,
man hat ihm was angetan! Ach Gottchen, warum
hab’ ich ihn bloß nicht mitgebracht, ich
hätte ihn suchen müssen, er wollte doch
mit mir mit! Wenn ich bloß noch rechtzeitig
komme, wenn’s bloß noch nicht zu spät ist!“
Nach meiner Meinung war
die Aussicht den Hund lebend wieder zu finden
ohnehin nicht allzu groß, aber das sagte
ich ihr nicht.
„Du hast zwei Wochen Zeit
ihn zu suchen“, meinte ich beruhigend. „Und
wenn du ihn findest, dann bring ihn mit
und alles ist fein!“
„Die haben ihm was getan“,
murmelte sie. „Ich hab’ ihn schreien hören.
Ach Gott, wenn er bloß noch lebt, wenn ich
ihn bloß finde!“

Zwei Tage später rief
sie an, um mir zu sagen, dass sie ihn gefunden
hatte.
„Sie haben ihn angeschossen“,
sagte sie. „Muss genau an dem Tag passiert
sein, als ich davon geträumt habe. Er hat
ein Auge verloren, aber er wird es schaffen.
Der Tierarzt sagt, es war eine Gaspistole,
aus nächster Nähe. Er war einfach so zutraulich,
ist zu jedem hingegangen und jetzt hat ihm
einer“ - und ihre Stimme brach.
„Er wird wieder“, sagte
sie dann. „Das andere Auge wird er behalten.
Er sieht furchtbar aus, aber das kriege
ich hin. Pflege und Futter, dann wird er
wieder. Ich bin zur Toni gezogen, aus dem
Hotel haben sie uns rausgeschmissen, weil
ich den Hund mit rein genommen habe, ist
egal, diese Hundehasser, sollen sie mir
den Buckel runterrutschen; bei Toni geht’s
uns auch gut, ist sogar billiger. Er wird
wieder. Ich bring ihn mit. Hätte ich bloß
länger gesucht! Hätte ich doch bloß länger
gesucht!“
Ich legte den Hörer auf
und glotzte das Telefon an.
Welche Antenne hatte diese
Frau ausgefahren, dass der Hilfeschrei einer
gequälten Kreatur über Zeit und Raum hinweg
von ihr aufgefangen werden konnte? Und welches
Band gab es zwischen ihnen, dass er in seiner
Not nach ihr rief, nach ihr, die sie
mit Tüten beladen umher zog, um viele hungrige
Mäuler zu stopfen, nicht nur das seine?
Hatte er gespürt, dass es da ein Versprechen
gab, dass sie ihn hatte mitnehmen wollen,
dass er zu ihr gehören sollte, dass sie
ständig an ihn dachte?
Welche andere Erklärung
konnte es geben?
Keine die mit dem Verstand
zu begründen war.
Er hatte nach ihr gerufen
und sie hatte ihn gehört.
Sie war zu spät gekommen
um sein Leid zu verhindern; aber nicht zu
spät um sein Leben zu retten. Er gehörte
zu ihr.

Als ich ihn sah, brach
ich in Tränen aus.
Da kam er durch die Abfertigung,
brav an seiner Leine trabend, ein kleiner,
magerer Hund, mit dichtem, goldbraunem Fell
und großen, puscheligen Ohren; als ich mich
niederhockte, kam er sofort und schaute mit
einem großen, braunen, schwarzumrandeten
Auge ohne Arg zu mir auf. Das andere war
hell und milchig und blind, das Fell drumherum
wie angesengt. Er musste entsetzliche Schmerzen
ausgehalten haben, und doch kam er ohne
Anzeichen von Angst oder auch nur Zurückhaltung
auf mich zu und wedelte mich schüchtern
an, so als könnte er die grausame
Lehre die man ihm erteilt hatte, nicht mit
dem Tun eines Menschen in Zusammenhang bringen.
Vielleicht wäre er seinem speziellen Peiniger
künftig ausgewichen; aber jedem anderen
hätte er sich weiterhin ausgeliefert, und
früher oder später wäre dies sein Todesurteil
gewesen. Er gehörte zu jenen Seelen, die
ausschließlich zu Liebe und Vertrauen fähig
sind; über das Quäntchen gesundes Misstrauen,
dass manchmal über Leben und Tod entscheidet,
verfügte er nicht, und das machte ihn zu
einem klassischen Opfer für jeden der kranken
Sadisten, deren Wohlbefinden einzig
von der Willkür abhängig zu sein scheint,
die sie gefahrlos über Schwächere ausüben
können.
Möge Gott ihnen gnädig
sein.
Ich kann es nicht.

Noch bevor Rosi wieder
anrief, war mir klar, dass sie den Hund
mitbringen würde, so oder so.
Die Worte „ wer auch nur
ein einziges Leben rettet, der rettet die
Welt“, schienen ihr Sein zu bestimmen und
sie war offenbar eisern entschlossen
die Welt wieder und wieder zu retten, ob
sie wollte oder nicht.
Also war es wohl zweckdienlich
sich ein paar Gedanken zu machen, was, nach
erfolgter Rettung, passieren sollte – nicht
mit der Welt. Nur mit dem Hund.
Da ich um ihre Eigenart
wusste, ein unterbrochenes Gespräch punktgenau
fortsetzen zu können und nicht begierig
war noch ausführlicher über den miesen Charakter
der Stasi – Braut informiert zu werden,
statt sachliche Informationen zu erhalten,
bremste ich sie sofort aus, kaum dass ich
den Hörer am Ohr hatte.
Der Hund sei nicht sehr
groß, erfuhr ich. Etwa so wie Mon Cheri.
Eigentlich war er überhaupt so ähnlich wie
Mon Cheri; und ich stöhnte innerlich auf.
Wenn er auch nur annähernd so war wie Monschie,
dann standen uns wieder anstrengende Tage
bevor.
„Er ist ’n ganz Ruhiger,“
beschwichtigte sie meine unausgesprochenen
Bedenken, was diese keineswegs zum Abklingen
brachte, denn auch Monschie war ein ganz
Ruhiger gewesen: In der Wohnung vollständig
pflegeleicht, kein Kläffer und auch keiner,
der von Vaters Pantoffeln bis zum Esszimmertisch
alles zerlegte; auch stubenrein von Anfang
an.
Aber er konnte dem Ruf
der Freiheit nicht widerstehen, und ein Hund
der bei jeder sich bietenden Gelegenheit
nur eine Staubwolke hinter sich lässt, ist
Gift für eines jeden Hundehalters Seelenfrieden.
Andererseits hatte er
einfach umwerfend ausgesehen; ein Salz-und-Pfeffer-Schnauzer-Verschnitt,
mit riesigen Stehohren, einer sehenswerten
buschigen Ringelrute und einem Backenbart
der unseren alten Kaiser Wilhelm vor Neid
grün gemacht hätte.
„Kastriert ist er auch
schon“, kam es hoffnungsvoll durch die Leitung.
„Auch schon geimpft, alles fix und fertig!“
„Ich nehme an, du hast auch bereits alle
Ausreisepapiere?!“ Selbstverständlich hatte
sie die, ebenso wie eine Transportbox, denn
Bagatellen werden Rosi niemals aufhalten.
„Also dann hast du ja
bereits alles geregelt, bis auf die Kleinigkeit
was mit ihm passieren soll!“
„Ja.“
„ ????“
„Also, ich meine, ich
nehme ihn natürlich erst mal. Natürlich.
Und er ist doch so ein braver und lieber
Kerl, auch nicht so groß und kastriert,
für den müssten wir doch bald jemand finden,
meinst du nicht?“
„Nein, meine ich nicht.
Rosi, die Urlaubssaison steht erst bevor,
da werden Hunde ausgesetzt und nicht neu
vermittelt! Aber ich werde mich mit Märkisch
Buchholz in Verbindung setzen. Vielleicht
haben sie noch Platz für einen kleinen,
lieben, braven, ruhigen und kastrierten
Musterknaben. Seine Chancen vermittelt zu
werden sind von dort aus wesentlich besser
als wenn er bei dir ist. Und ich halte nicht
allzu viel davon, dass du dich von zwei
Hunden durch die Gegend ziehen lässt!“
„Kein Hund“, bemerkte
sie mit Würde, „zieht mich durch die Gegend!
Aber der Stasi-Spitzel... der spioniert
doch bloß wieder...vielleicht macht er mir
Ärger und schwärzt mich an, wenn er die
Hunde vorher so reizt, dass sie ihn ankläffen...du
weißt doch...“
Für Rosi ist die DDR noch
sehr lebendig.

Märkisch Buchholz, das
kleine Tierheim in den Brandenburgischen
Wäldern, erklärte sich bereit den Hund aufzunehmen.
Sie fielen mir nicht gerade um den Hals
vor Freude, denn es herrschte kein Mangel
an Hunden, und, wie schon richtig festgestellt,
stand die Urlaubssaison noch bevor, aber
sie waren bereit zu helfen.
Also stand ich am 18.Mai
2002, mit Annett vom Tierheim, am Flughafen
Schönefeld, um Rosi und ihren Asylanten
willkommen zu heißen.
„Weißt du wie er aussieht?“
fragte sie mich.
„Nein, nicht genau. Sie
sagt er ist wie Mon Cheri und der war bildhübsch,
aber damit meint sie vielleicht nur seine
inneren Werte. Ich glaube ihr ist es ganz
egal wie so ein Hund aussieht.“
„Da hat sie ja wohl auch
ganz Recht“, meinte Annett. „Hauptsache,
er ist nicht schwarz. Schwarze Hunde sitzen
bei uns ewig, aber frag’ mich nicht warum.“
Vielleicht, weil schwarze
Hunde eine der Masken des Teufels auf Erden
sind?
Ich drückte mir die Nase
an der Scheibe zur Ankunftshalle platt,
die sich allmählich mit heimkehrenden Urlaubern
füllte und spähte nach Rosi. Zu allererst
sah ich die Transportbox, konnte aber nicht
erkennen wer oder was sich darin befand.
Dann erschien Rosi, wie üblich mit Tüten
behängt, gefolgt von ihrem Gefährten Klaus,
und steuerte auf die Box zu, sich mit ihrer
Gehhilfe, die sie wie eine Wünschelrute
nach vorn streckte, energisch ihren Weg
bahnend. Eine kurze Bewegung mit der Krücke,
und Klaus ging in die Knie, um die Box zu
öffnen und ihren Insassen in die Freiheit
zu entlassen.
Heraus kam Quasimodo.
Ich traute meinen Augen
nicht.
Rosi konnte tatsächlich
nur seine inneren Qualitäten gemeint haben
als sie ihn mit Mon Cheri verglichen hatte,
denn äußerlich hatte er allenfalls die Größe
mit ihm gemeinsam.
Irgendein himmlischer
Spaßvogel musste die Gene eines Groenendaels,
eines Bassetts und eines Leguans in einen
Mixer geworfen und anschließend auf Stufe
drei gedrückt haben.
Der Kopf mit dem langen
Fang, aus dem eine lange, rote und augenscheinlich
tropfende Zunge heraushing, saß auf einem
massigen Hals, der es vollständig verschmähte
sich an den kurzen Rumpf anzupassen, der
wiederum auf vier krummen Beinchen ruhte,
von denen die vorderen nicht nur kürzer
als die hinteren waren sondern auch noch
eindeutig x-förmig auseinander strebten.
An den Seiten seines beeindruckenden Schädels
flatterten ein paar lächerliche Knickohren,
die selbst einem sehr viel kleineren Hund
peinlich gewesen wären; einzig seine kräftige
Rute verhieß etwas Respektabilität.
Aber seine wachen Augen
verrieten Intelligenz, Geduld und große
Würde.
Außerdem war er schwarz
wie die Nacht.
Ich liebte ihn sofort.
Er krabbelte etwas mühselig
aus der Box, in der er so lange Stunden
eingezwängt und die eindeutig zu klein für
ihn gewesen war, schüttelte sich, äugte
in die Runde, fand sie offenbar nicht weiter
bemerkenswert, und ließ sich mit großer Ruhe
anleinen. Auf dem Weg zum Ausgang hob er
das Bein und setzte seine erste Reviermarkierung
auf deutschem Boden.
Ich schlich zu Annett
zurück, die vor der Zollabfertigung wartete.
Sie warf mir einen kurzen Blick zu und nickte.
„Schwarz?“
„Rabenschwarz!“
„Und weiter?“
„Eine lange rote Zunge!“
„Und weiter?“
„Wart’s ab!“
Und dann glitten die Schiebetüren
auseinander und Rosi spazierte heraus, Quasimodo
vorneweg und Klaus, den Gepäckwagen schiebend,
angemessene zwei Schritte hinter ihr.
„Ach ist der Plüsch!“
Das kam von Annett und
hatte ich vorher meinen Augen nicht getraut,
waren es nunmehr die Ohren. „Plüsch“ das
hieß in der Übersetzung soviel wie: süß
und niedlich, entzückend und reizend, was
wiederum, wenn ich das „Buch des treffenden
Wortes“ zu Rate ziehe, nichts anderes bedeutet
als: hübsch, lieblich, anziehend, wohlgestaltet,
bestrickend, charmant und fein, alles Benennungen,
die mir zur Charakterisierung dieses Vierbeiners
so ziemlich als letztes, genauer gesagt,
überhaupt nicht, in den Sinn gekommen wären.
Aber da hockte sie schon
vor ihm, der da auf den Hinterläufen saß,
die Zunge heraushängen ließ und sie mit
Wohlwollen betrachtete, und hieß ihn willkommen,
während Rosi sie mit gewohnter Ausführlichkeit
über sein Schicksal, seinen Namen,
seine Gewohnheiten, Dobras Imbissstand,
die Hundehasser von St. Konstantin allgemein,
sowie des Hotels Ranitza im Besonderen,
die besten Einkaufsmöglichkeiten für Hundefutter
und Wurmtabletten in Varna, den Stasi-Spitzel
im Nachbargarten, die Leiden ihres Hundes
Goldie und die von etwa zwanzig anderen,
die sie alle namentlich benannte, informierte.
Sie redete noch als Robbie
es sich bereits in Annetts Auto bequem gemacht
und diese zielstrebig den Zündschlüssel
umgedreht hatte, sanft darauf hinweisend,
dass sie im Tierheim erwartet werde und
eine Stunde Fahrt vor sich habe.
Da trat sie zurück und
schluckte kurz.
Ich nahm sie am Arm und
schob sie zu meinem Auto, ihr tröstend erklärend,
dass sie nun alles getan habe und den Rest
getrost dem Tierheim überlassen könne.
Sie wischte sich die müden
Augen.
„Wenn er bloß nicht so
lange da sitzen muss. Er ist doch nicht
gewöhnt eingesperrt zu sein!“ „Nein, aber
regelmäßig gefüttert zu werden ist er auch
nicht gewöhnt und vielleicht entschädigt
ihn das ein bisschen! Und Annett hat versprochen,
dass er in das große Gehege kommt. Da ist
er mit anderen Hunden zusammen und das wird
ihm gefallen. Er wird nicht in einem kleinen
Zwinger sitzen, also mach dir keine Sorgen!“

Es war nur gut, dass Rosi
den abendlichen Anruf von Annett nicht mitbekam,
denn dann hätte sie meiner Versicherung,
dass kein Anlass zu Sorgen bestand, wohl
kaum noch Glauben geschenkt.
„Der Bursche kann klettern!“
„Er kann was?!“
„Er klettert wie ein Kragenbär!“
„Und das hast du gesehen?“
„Nein, habe ich nicht,
keiner hat’s gesehen, aber er muss geklettert
sein, anders war kein Rauskommen...“
„Drunter durch? Loch im
Zaun?“
„Weder noch. Alles überprüft.
Er muss oben rüber gekommen sein und jetzt
sind natürlich die Knödel am Dampfen. Dabei
hat es so gut ausgesehen! Er hat sich während
der Autofahrt kein bisschen gemuckst, war
ganz vorbildlich, ist ganz brav ins Tierheim
mit rein und hat sich in den großen Auslauf
bringen lassen. Da gab’s dann ein bisschen
Gebrumme mit den anderen, aber er hat sich
ganz cool durchgesetzt und ich dachte alles
ist Super. Dann sitzen wir beim Mittagessen
und ich erzähle den anderen von ihm und
dass ich ihn für einen ganz tollen Hecht
halte, da fragt mich die Azubi ob ich den
meine, der da hinter meinem Stuhl sitzt!
Ich dreh’ mich um und da sitzt er doch tatsächlich,
lässt die Zunge raushängen und klopft mit
dem Schwanz! Dann sind erstmal alle hektisch
los und haben nach Löchern und Ritzen im
Zaun gesucht, aber nichts. Dann haben wir
ihn in einen kleineren Zwinger gesetzt,
zu einem jüngeren Rüden. Kaum war er drin,
hat er schon die Höhe ausgemessen und war
in Nullkommanichts wieder draußen. Hat auch
keiner gesehen, aber plötzlich ist er durch
die Küche spaziert. Er muss rüber geklettert
sein und jetzt können wir ihn natürlich
nicht da lassen, denn kommt er über den
einen Zweimeterzaun, kommt er auch über
den Außenzaun und zeigt womöglich noch den
anderen wie’s geht.“
„Aber er hat doch gar
nicht versucht abzuhauen, oder?“
„Nein“, gibt sie zu, „hat
er nicht. Er wollte bei mir sitzen, nicht
im Käfig. Aber ich kann ihn nicht mitnehmen,
so gern ich’s täte! Mein Mann hat mit Scheidung
gedroht und meine Tochter mit sofortigem
Auszug, wenn ich ohne zwingenden Grund wieder
einen Hund anschleppe! Und über zwingende
Gründe haben sie andere Ansichten als ich.
Fürs erste nimmt ihn Maria mit, weil wir
zurzeit keinen Zwinger frei haben, der oben
zu ist. Aber sobald das der Fall ist muss
er da rein, hilft nichts!“
Ich stöhnte, denn so sehr
ich seine Beharrlichkeit bewunderte, verdammte
sie ihn doch letztendlich zu genau dem Schicksal,
das Rosi befürchtet hatte. Ich tröstete
mich damit, dass er ja schließlich nicht
den Rest seines Lebens dort verbringen sollte,
sondern nur eine kurze Zeit, bis zur Vermittlung,
die doch hoffentlich nicht allzu lange auf
sich warten lassen würde.
In meinem Hinterkopf hörte
ich Annett sagen: „Schwarze Hunde sitzen
bei uns ewig, frag’ mich nicht warum!“ Und
dann hatte ich sie vor Augen, die schwarzen
Hunde, die in Märkisch Buchholz schon ewig
saßen: Sheela aus Rumänien, das schielende
Unikum, das fast ein Jahr auf ein neues
Zuhause warten musste ...oder Joker, der
schwarze Schäferhund, der irgendwann so
massive Verhaltensstörungen zeigte, dass
Annett ihn kurzerhand mit nach Hause nahm.
(Natürlich nur vorübergehend und natürlich
ist er immer noch da.)
Und die Urlaubssaison
hatte noch nicht mal angefangen...

Zwei Wochen später holte
ich ihn wieder heraus.
Ich war hingefahren um
mit ihm Gassi zu gehen. Er saß allein in
seinem Zwinger, links daneben ein Rüde der
ihn nicht leiden konnte und es lautstark
bewies, rechts daneben einer den er nicht
schätzte, was das nämliche Resultat ergab,
vor sich ein tiefes Loch, durch das er wohl
versucht hatte sich in die Freiheit zu graben,
bis er die Aussichtslosigkeit seines Tuns
erkannt und es aufgegeben hatte. Es gab
kein Entkommen, der Zwinger war dicht, oben
zu, unten zu und an den Seiten sowieso.
Als ich ging, saß er in
der für ihn typischen Haltung auf den Hinterläufen,
die deformierten Vorderläufe gespreizt,
die Zunge heraushängend, geduldig durch
das Gitter schauend, harrend, auf was auch
immer.
Es war nicht auszuhalten.
Ich marschierte ins Büro
um kundzutun, dass ich ihn mitnehmen würde.
Niemand erhob Einwände; man versprach ein
Bild von ihm aufzuhängen und ihn außerdem
auf die Homepage zu setzen, um seine Vermittlungschancen
zu erhöhen.
Aber die Zwinger waren
voll, noch dazu mit eindeutig hübscheren
Hunden.
Und die Urlaubssaison
hatte noch nicht mal angefangen.

Da standen wir also auf
dem Feldweg, ich schnaufend, er hechelnd,
während meine beiden Hündinnen, weit abgeschlagen,
gerade noch zu sehen waren.
„Robbie“, sagte ich, bereit
zu diskutieren, „da vorne ist die Straße.
Weißt du was eine Straße ist?“
Er weiß was eine Straße
ist.
Er war einst ein Straßenhund,
damals, in einer Welt die ihm vertraut gewesen
war, in einem Leben, das er nur so und nicht
anders kennen gelernt hatte, in Straßen
die er kannte, mit Gefahren, denen auszuweichen
er gelernt hatte, mit Geräuschen und Gerüchen,
die Orientierung boten und damit ein Stückchen
Sicherheit, all das was auch für Menschen
bedeutet zu Hause zu sein.
All dies war verschwunden
und das einzige was man ihm dafür gegeben
hatte waren unablässig wechselnde Zweibeiner:
Erst Rosi, dann Annett, Maria und nun ich.
Und er rannte wohl, weil er auf der Suche
war, hinter jedem nächsten Baum, jeder kommenden
Wegbiegung Vertrautes zu finden hoffte,
ein Stück Heimat, dass ihm helfen konnte,
sein verrutschtes Leben wieder gerade zu
rücken.
Aber er fand nichts, außer
dass ich brüllend mit dem Fahrrad hinter
ihm her raste, was vielleicht Erinnerungen
an Moped-Hetzjagden in ihm wachrief, wenn
ich es auch nicht hoffen will.
Ich stieg vom Rad und
setzte mich auf die Erde, auf meine Hündinnen
wartend, die, etwa 100 Meter entfernt, gemächlich
herantrotteten, während Robbie seine klassische
Pose – auf die Hinterläufe, Zunge raus –
einnahm und sich geduldig meinen Vortrag
anhörte.
„Robbie“, sprach ich,
„ wie müssen uns einigen. Zunächst einmal:
Du musst gehorchen! Du bist ein Hund, und
Hunde müssen gehorchen!“
Er riss den Fang auf um
zu gähnen, klappte ihn wieder zu, ließ die
Zunge noch ein Stück weiter heraushängen
und hechelte geräuschvoll, und ich hatte
das dumme Gefühl, dass er sich totlachte.
„Also,“ sagte ich, „ ich
weiß nicht, ob du jemals in deinem Leben
so etwas wie einen Herrn hattest und genau
genommen weiß ich nicht mal, ob es in diesem
Zusammenhang so etwas wie ein weibliches
Äquivalent zu ,Herr’ gibt, was auch völlig
Wurscht ist, aber es ist ein offenes Geheimnis,
dass ihr Hunde von den Wölfen abstammt und
bei denen wiederum ist die Rangordnung stur
geregelt! Da gibt es jemanden der ,Alpha’
heißt und wer so heißt der hat das Knurren
im Rudel! Und warum? Weil er dafür sorgt
dass der Rest zu fressen hat, darum! Und
wer gibt dir zu fressen? Häh?“
Das Wort ,fressen’ hat
er verstanden und es gibt ihm offenbar zu
denken. Die Zunge verschwindet und leckt
die Lefzen, dann steht er auf und watschelt
ein paar Schritte näher.
Hinterläufe, Zunge wieder
raus.
Er ist ganz Ohr.
„Du bist ein verdammt
schlauer Bursche, “ sage ich bewundernd,
„ und einen Besitzer für dich zu finden,
der dir geistig gewachsen ist könnte ein
weiteres Problem werden, abgesehen von denen
die es ohnehin schon gibt. Aber wenn die
Schwierigkeiten nicht unüberwindbar sein
sollen, wirst du wohl ein paar Regeln lernen
müssen, ob es dir passt oder nicht.
Erstens: du folgst mir
und nicht umgekehrt.
Zweitens: du kommst, wenn
ich dich rufe.
Drittens: das Durchstöbern
von fremden Gärten mag lustvoll sein, ist
aber verboten und Löcher in den Zäunen sind
nicht als Einladung zu verstehen das dahinter
liegende Gelände zu erkunden. Siehe Paragraph
2.
Und um dir die Befolgung
dieser Grundsätze zu erleichtern, kommst
du jetzt an die Leine, so lange bis wir
diese gefährliche Zone umschifft haben!“
Er ist schneller auf den
Beinen als ich „Papp“ sagen kann, wirft
sich herum und verschwindet mit Höchstgeschwindigkeit
im Dickicht.
Offenbar ist er nicht
geneigt, einen neuen Besitzer auch nur in
Erwägung zu ziehen.
Und darum musste ich eine
halbe Stunde sitzen bleiben und darauf warten,
dass er wieder auftauchte, was er irgendwann
tatsächlich auch tat.

Fünf Wochen später rief
Annett an.
„Geht’s gut?“ fragte sie.
„Kommt drauf an wen du
meinst!“ gab ich zurück. „Wenn du Robbie
meinst, dem geht es hervorragend und er
freut sich seines Lebens. Regelmäßig Futter,
gefahrloser Schlaf und Spazierenrennen ist
seine Leidenschaft. Die Welt ist groß, die
Welt ist schön und jeden Tag gibt es neue
Gefilde die man, quer über das Feld davonwetzend,
entdecken kann. Letzte Woche hat er einem
Schrebergarten, in dem gegrillt wurde, einen
Besuch abgestattet, wobei er durch drei
andere Gärten hindurch musste, was die Besitzer
sicherlich dankbar sein lässt, weil sie
jetzt wissen, wo die Löcher in ihren Zäunen
sind. Vorgestern ist er durch eine viel
befahrene Reihenhaussiedlung spaziert, inklusive
Zeitungsladen, Sonnenstudio und Getränkemarkt.
Ich wiederum stehe dann da, habe keine Ahnung
wo ich ihn suchen soll, weil er wie vom
Erdboden verschluckt ist und kann mir aussuchen,
welche Horrorvision mir besser gefällt:
dass er die Hauptverkehrsstraße erreicht
und sich einbildet sie überqueren zu müssen,
was pro Jahr mindestens zwei Dutzend Igeln
und etlichen Katzen misslingt, oder dass
er einem Hobbyjäger vor die Flinte kommt,
der sich freut, einen waschechten Streuner
abknallen zu können. Einfangen lässt sich
der Kerl doch nicht, dazu ist er viel zu
ausgebufft. Man kann nur da stehen, mit
den Zähnen klappern oder knirschen, je nachdem,
und warten bis er wieder aufkreuzt. Allerdings
muss man ihm zugestehen, dass er nie länger
als eine halbe Stunde verschwindet und auch
nie bei Regen. So rücksichtsvoll ist er
immerhin.“
„Du Arme!“ sagte Annett
lind. „Was für ein Lamento!“
„Ach ja?“ entgegnete ich
erzürnt. „Dann lass’ mich hinzufügen, dass
er heute Harakiri machen wollte und dass
wir einen Mordsdussel hatten, nicht alle
beide plattgefahren worden zu sein!“
„Ups!“ machte sie. „Wie
das?“
„Wie? Indem er abgehauen
ist, natürlich! Erst lief alles super und
ich dachte schon, wir haben es endlich hingekriegt.
Ich hab mir angewöhnt, ihn an einem ganz
bestimmten Punkt von der Leine zu lassen.
Danach kann er erstmal rennen, was er auch
ausgiebig tut. An einem weiteren ganz bestimmten
Punkt bleibe ich dann einfach solange stehen,
bis er zu mir kommt. Dann wird er belohnt
und kommt wieder an die Leine. Und so weiter,
bis wir in die Gegend kommen wo es kritisch
wird, weil da Gärten sind und denen kann
er nicht widerstehen. Da muss er an die
Leine, was immer eine Zitterpartie ist,
weil ich nie genau weiß, wann er zu weit
weg ist. Wenn eine bestimmte Entfernung
überschritten wird gehorcht er nicht mehr,
sondern rennt einfach weiter seiner verdammten
schwarzen Nase hinterher. Und so war’s heute.
Ich bleibe stehen und rufe ihn und er bleibt
auch stehen und guckt zurück und ich konnte
genau sehen, wie er die Entfernung ausgemessen
hat. Und dann macht er kehrt, wedelt zum
Abschied und weg ist er. Und ist er erstmal
weg, nutzt dir allenfalls noch ein Segelflieger
oder ein Heißluftballon mit Radar, denn
zu allen anderen Übeln hat er anscheinend
auch noch die Fähigkeit, sich unsichtbar
zu machen! Ich bin wie wild mit dem Fahrrad
durch die Gegend, hab Hinz und Kunz gefragt
ob jemand einen kleinen, schwarzen, krummbeinigen,
verfluchten Straßenköter gesehen hat – nichts!
Absolut nichts! Mittlerweile war ich an
der Straße – weißt du was sich da abspielt?
Da fährt jeder wie auf dem Nürburgring
und es ist so laut, dass du die Passanten
anbrüllen musst, damit sie dich hören. Und
da sehe ich ihn, weit vorne, ganz gemütlich,
schnuppert hier, schnuppert da, hebt das
Bein, ganz souverän. Und wie ich schon nah
genug bin, dass er mich hören kann, da wird
der Rottweiler vom Grundstück auf der anderen
Straßenseite mobil und erklärt ihm den Krieg,
und hastdunichtgesehen stürzt sich dieses
idiotische Vieh auf die Straße, weil er
meint, er muss dem Rotti die Meinung geigen,
und natürlich erwischt er genau die notwendigen
anderthalb Meter zwischen zwei Autos, um
heil durchzukommen, und ich kriege einen
Blackout, schmeiße das Fahrrad hin, schreie
,Robbiiiiieeeee’, und rase hinterher, auch
wieder zwischen zwei Autos. Die beiden Tölen
beschimpfen sich nach Herzenslust, dadurch
hat er nicht mitgekriegt, dass ich an ihm
dran war, erst als ich ihn am Halsband hatte
und die Leine über seinen Hintern gezogen
hab, da kam er zu sich und wurde ganz schlaff
vor Schreck. Und dann kommt der Rotti-Besitzer
und will wissen, warum ich den armen Hund
verprügele und ob ich ihn nicht anders erziehen
könne als mit Gewalt! Ich war so tobsüchtig,
ich hätte ihm sein Haus samt Hundehütte
abfackeln können! Und gegenüber brüllt so
ein dämlicher Autofahrer ich soll gefälligst
das Fahrrad aus der Einfahrt entfernen,
weil er raus will oder rein, oder was weiß
ich! Ich schwöre dir, hätte ich in
diesem Moment den Hund nach Bulgarien zurückbeamen
können, er hätte sich sofort in seine Moleküle
aufgelöst! Das war ein ganz bezaubernder
Tag!“
„Au Backe!“ meinte Annett
mitfühlend. „Das hätte aber ins Auge gehen
können. Da rufe ich ja wohl gerade richtig
an. Ich hab vielleicht was für ihn.“
Ich fuhr kerzengrade in
die Höhe.
„Du hast was...Mädel,
sprich! Was? Wo? Wer?“
„Unsere Lucy ist zurückgekommen
Wir haben sie vor einem Jahr an ganz freundliche
Leute vermittelt, aber sie hat sich einfach
nicht eingewöhnt. Ich muss dazu sagen, dass
wir Lucy aus einem anderen Tierheim bekommen
haben – vielleicht hast du davon gehört,
war ein Riesenskandal, die Tiere wurden
da regelrecht massakriert – und Lucy war
eine der Überlebenden. Sie war extrem misstrauisch
und verängstigt und wahrscheinlich haben
wir sie zu früh neu vermittelt. Aber die
Leute wollten es wirklich versuchen, da
haben wir es eben auch versucht. Aber es
ging nicht. Die haben ein großes Grundstück,
und Lucy hat immer einen Weg gefunden auszubrechen,
hat sich nicht anfassen lassen, wollte nicht
ins Haus. Und gestern hat man sie zurück
gebracht. Und da dachten wir an Robbie.
Die Leute wollen wirklich gerne einen Hund
haben und wie gesagt, die haben ein Riesengrundstück
und eine Oma, die tagsüber viel alleine
ist und einen Beschützer braucht. Es ist
mitten auf dem Land, links und rechts nur
Gegend und ein paar Häuser. Wie gesagt,
es könnte was für ihn sein. Hast du Zeit
mitzukommen und es dir anzusehen?“
„Ob ich Zeit... selbst
wenn ich keine hätte, das ist der erste
Lichtblick seit Wochen und es hört sich
super an!“
Annett versprach einen
Termin auszumachen und sich zu melden.
Ich blickte Robbie an.
„Junge“, sagte ich, „großes
Gelände mit ganz viel Zaun zum Markieren!
Und eine nette Oma als Aufgabe! Das wär’s
doch, oder?“
Er schaute mich mit seinen
intelligenten Augen an, so als sei er bereit,
ausnahmslos alles was ich wollte großartig
zu finden, ausgenommen Leinenzwang und ich
dachte, dass er ein einzigartig wunderbarer,
origineller und bemerkenswerter Hund sei.
Und dann wusste ich, dass
er mir entsetzlich fehlen würde.

In dieser Nacht hörte
ich ihn weinen.
Ich wurde wach, weil Klagelaute
in meinen Schlaf eindrangen und setzte mich
auf, als mir klar wurde, dass ich nicht
träumte. Das Gejammer kam von oben, also
musste es Robbie sein, denn Sisi und Lise
lagen zusammengerollt auf ihren Kissen neben
meinem Bett und schliefen selig. Ich ging
leise die Treppe hoch und sah ihn auf dem
Teppich liegen, den Körper von konvulsivischen
Erschütterungen bebend, mit den krummen
Vorderläufen hektisch paddelnd, während
wimmernde Jammertöne der geöffneten Schnauze
entflohen. Aber er schlief, wurde auch nicht
wach als ich herankam und mich zu ihm hockte,
unschlüssig, ob ich ihn wecken sollte oder
nicht. Ich legte sacht meine Hand auf seinen
Bauch, der wie ein Blasebalg bebte und spürte
nach einiger Zeit, dass die Zuckungen nachließen
und er ruhiger atmete. Auch das Wimmern
wurde leiser und verstummte schließlich.
Aber er wachte nicht auf. Er war tief in
einem Elend gefangen in das ihm niemand
folgen konnte, noch auch nur wünschen würde,
es tun zu können. Ich hatte schon erlebt,
wenn Sisi träumte; sie schien dann immer
erfolglos Katzen zu jagen und es war spaßig
mitanzusehen, wie sie fiepte und winselte,
mit den Pfoten ruderte und wie wild die
Rute schlug.
Dies hier war nicht spaßig.
Dies hier war Leid.
Es war erlebtes, erlittenes
Leid, das nur so und nicht anders, wenn
überhaupt, bewältigt werden konnte.

„Das ist Klein-Bulgarien!“
entfährt es mir, als ich durch das Tor spähe,
Robbie an der Leine, Annett neben mir. Die
Ähnlichkeiten sind nicht zu leugnen. Das
Haus hat seine besten Jahre ebenso hinter
sich wie die große Scheune; hinten befindet
sich eine Baustelle und überall stehen Gerätschaften
herum, die nicht so aussehen als wären sie
noch in Benutzung. Der Gehweg zum Haus wurde
offensichtlich vor langer Zeit aus Beton
gegossen und zeigt interessante Risse; links
und rechts daneben kämpfen Blumenrabatten
ums Überleben, und ein uralter, knorriger
Rosenstrauch klammert sich energisch an
einem klapprigen Gerüst fest, dabei offen
lassend, wer hier eigentlich wen stützt.
Durch das geöffnete Scheunentor sausen Schwalben
ein und aus, und in den alten, verwitterten
Bäumen hängen viele Nistkästen, während
sich in wild wuchernden Hecken etliche Spatzenclans
prügeln.
Aber der Zaun, der sich
weit um das große Gelände erstreckt, sieht
stabil aus.
„Himmlisch!“ murmele ich
verzückt. „Ach Robbie! Robbielein, du bist
zu Hause!“
Er beäugt mich skeptisch,
als wolle er mitteilen, dass er zwar in
einer zivilisierten Großstadt gelebt habe
und nicht in einer Kolchose, aber
selbstredend wie immer bereit sei meinen
Vorstellungen zu folgen, wie idiotisch sie
auch immer sein mögen.
„Das ist einfach großartig!“
Ich lasse meinen Blick schweifen und finde,
wie Annett gesagt hat, nichts als Gegend.
Gegenüber befindet sich ein anderes Gehöft,
in unzweifelhaft gepflegterem Zustand und
bewacht von einer Schäferhund-Edeldame,
die senkrecht am Zaun steht und eine Flut
unwiederholbarer Beschimpfungen der adligen
Schnauze entrinnen und auf den Eindringling,
den sie offenbar sofort als minderes Subjekt
identifiziert hat, regnen lässt. Robbies
Rute, neben seinem beeindruckenden Haupt
sein imposantestes Teil, ragt steil in die
Höhe, während er der Dame souverän, aber
nicht gänzlich uninteressiert, den Hintern
zuwendet, das Bein hebt und seine erste
Markierung ans Tor setzt.
So!
Vom Haus naht ein Empfangskomitee,
allen voran die achtzigjährige Oma, schwerhörig
zwar, aber gut zu Fuß, gefolgt von Sohn
und Tochter, beide in mittlerem Alter, während
hinten von der Baustelle neugierige Köpfe
ragen, den erwarteten Vierbeiner und seine
Eskorte in Augenschein nehmend.
Eingelassen und feststellend,
das dass Tor hinter ihm wieder geschlossen
wurde, setzt sich Robbie auf die Hinterläufe,
lässt die Zunge heraushängen und wartet
höflich ab, wie die Begutachtung seiner
Person ausfallen wird.
„Der ist ja doch ziemlich
groß!“ bemerkt die Tochter.
„Dreißig Zentimeter Schulterhöhe!“
sagt Annett. „Damit gehört er eindeutig
zu den Kleinwüchsigen. Er ist nur etwas
wuchtig, aber wenn Sie einen Wachhund wollen
kann das nicht verkehrt sein. Er wird etwaige
Galgenvögel sicherlich eher beeindrucken
als ein Zwergspitz!“
„Der ist schon richtig“,
sagt der Sohn und betrachtet ihn nachdenklich.
„Wir wollen doch keinen Schoßhund.“
Diese Bemerkung findet
offenbar Robbies Zustimmung, denn er erhebt
sich, trabt auf seinen Fürsprecher zu und
richtet sich an ihm auf, freundlich die
Rute schwenkend.
,Er gefällt ihm,’ denke
ich, an aufsteigenden Tränen würgend. ,Bei
allen Heiligen und St.Franz vorneweg, er
mag ihn! Gott, ich danke dir! Gib’ dass
sie ihn auch mögen, gib’ dass sie erkennen,
was für ein großartiger Hund er ist!’
Sie schauen sich an, Mann
und Hund und ich hoffe dass unmerklich ein
Band geknüpft wird, dass aus ihnen Herr
und Hund machen wird. Der Mann krault des
Hundes Kopf und zupft spielerisch an seinen
Flatterohren und der Hund zieht die Lefzen
zurück und grinst. Dann fällt er auf seine
vier krummen Beine zurück, wedelt einmal
in die Runde und beginnt unverzüglich sein
neues Revier in Augenschein zu nehmen, was
er damit krönt, dass er unter einem, um
seine Existenz ringenden, Rhododendron einen
respektablen Haufen setzt.
Die Oma sagt: „Also von
mir aus kann er bleiben,“ und die anderen
nicken zustimmend und die Tochter fragt:
„Was frisst er?“ und Annett erwidert: „Alles
was ihn nicht zuerst frisst!“ was alle befriedigt,
und ich sage verstört: „Was denn, gleich
heute, jetzt?“ und Annett pufft mich in
die Seite und ich verstumme und frage mich,
ob ich es jemals schaffen werde, ein Geschöpf,
das ich mir vertraut gemacht habe, leichten
Herzens loszulassen.
„Er wird aber doch im
Haus gehalten?“ frage ich.
„Natürlich!“ antworten
sie.
„Und er wird nie, niemals
an die Kette gelegt oder in einen Zwinger
gesperrt?“
„Natürlich nicht!“
„Das werden Sie unterschreiben
müssen, das wissen Sie?“
„Natürlich!“
„Und er wird niemals an
Fremde weggegeben, sondern kommt notfalls
zu mir zurück!“
„Er wird nicht weg gegeben“,
sagt Robbies Herr. „Er wird hier alt werden.“
Ich blinzele ein paar
Tränen weg und schniefe undeutlich: „Danke.
Dann ist alles in Ordnung.“
Robbie kommt um die Scheune
herumgefegt, ein Ohr hochgeklappt, das andere
verwegen flatternd, die Zunge lang hängend,
bremst kurz ab, macht kehrt, wetzt in die
andere Richtung weiter und taucht
erst wieder auf, als wir, nach Erledigung
aller Formalitäten, zum Gehen bereit sind.
Er begleitet uns zum Tor
und wirkt einen Augenblick ratlos, als er
versteht, dass wir ohne ihn gehen wollen.
Abschied? Wieder einmal?
Wie viel Abschied hat
er schon erlebt und hingenommen? Wie oft
ist er verlassen worden und hat, auf den
Hinterläufen sitzend, stumm den Scheidenden
nachgesehen, um sich aufs Neue mit einer
Situation abzufinden, die er nicht ändern
konnte, nur aushalten musste, in unruhigem
Schlaf und nächtlichem Weinen?
Seine wissenden und plötzlich
uralten Augen schauen mich an.
Du gehst auch wieder?
Ich muss gehen, Robbie.
Und ich muss bleiben?
Du musst bleiben.
Kannst du nicht auch bleiben?
Ich gehöre nicht hierher,
Robbie.
Und wohin gehöre ich,
wenn nicht zu dir?
Du gehörst hierher, mein
Kleiner. Du bist jetzt zu Hause.
Ich dachte, ich bin da
zu Hause, wo du bist.
Du bist jetzt hier zu
Hause. Zumindest wirst du es bald sein.
Ich dachte, ich bin da
zu Hause, wo du bist.
Du bist da zu Hause wo
dein Herr ist.

Da kommt sein Herr und
hält eine Wurst in der Hand und eine Wurst
ist so gut wie ein Zuhause, jedenfalls wenn
die Aussicht auf noch mehr Würste in so
verheißungsvolle Nähe rückt, und Robbie
schnappt sich die Wurst und macht sich auf
die Suche nach einem Ort, wo er den Leckerbissen
entweder verspeisen oder vergraben kann;
und ich schlüpfe durch das Tor und werfe
den Motor an, wie auf der Flucht.
Im Wegfahren schaue ich
in den Rückspiegel und sehe ihn am Zaun
sitzen und hinter mir her schauen; auf den
Hinterläufen, mit langer und wahrscheinlich
tropfender Zunge.
Wohin gehen wir? Nach
Hause, immer nach Hause?
Und wo ist dieses Zuhause,
wenn nicht da, wo wir geliebt werden?

Ein Jahr später habe ich
ihn besucht und fand einen gut gelaunten,
wohlgenährten Hund vor, der – auf den Hinterläufen,
Zunge hängend – am Zaun saß und sein Heim
bewachte. Er begrüßte mich überschwänglich
und kam sofort und bereitwillig zu einem
kleinen Spaziergang mit. Er lief ohne Leine,
aber er blieb immer in Ruf- und Sichtweite,
folgte auch jeder Aufforderung zur Rückkehr
augenblicklich. Seinem Herrn, den ich aus
einem Mittagsschläfchen aufgestört hatte
und der gähnend heranschlurfte, schien er
durchaus zugetan. Wir verbrachten zwei prachtvolle
Stunden miteinander, durch Feld und Wiesen
streifend, entspannt und glücklich, und
als ich wegfuhr tat ich es in dem Glauben,
dass der heimatlose Streuner genau da war
wo er sein wollte und wo er hingehörte.
Er saß wieder am
Zaun und schaute mir nach.
Aber es war der Zaun seines
Zuhauses und er wachte darüber.
Auf den Hinterläufen,
mit langer und wahrscheinlich tropfender
Zunge.

Spätsommer 2007
„Er wird nicht weg gegeben“,
hatte Robbies Herr gesagt. „Er wird hier
alt werden.“
Weggegeben wurde er nicht.
Nur hinausgeworfen.
Und er war alt geworden,
an diesem Platz, den ich für sein endgültiges
Zuhause gehalten hatte. Fünf Jahre hatte
er dort gelebt, das Haus, das Anwesen und
die Oma bewacht; und solange sie lebte ging
es ihm gut – wenn man davon absieht dass
seinem Laufbedürfnis wohl nicht übermäßig
viel Aufmerksamkeit gezollt, sondern davon
ausgegangen worden war, dass er schließlich
ein ausreichend großes Gelände zum Herumlaufen
hatte.
Er hatte nicht an der
Kette gelegen und er war auch nie in einem
Zwinger eingesperrt worden; und das ist
in einem Bundesland, wo der Begriff „Dorfstraße“
bei jedem Tierschützer die Alarmglocken
scheppern lässt, weil „Dorfstraße“ allzu
häufig als Synonym für „Kettenhaltung“
anzusehen ist, schon viel. Und Robbie war
nie anspruchsvoll gewesen. Er hatte sein
sicheres Zuhause und die spröde Zuneigung
der alten Frau zu schätzen gewusst, denn
es war mehr als er jemals gehabt hatte.
Die Oma starb im Sommer
07, nachdem sie über ein Jahr in einem Pflegeheim
zugebracht hatte. Solange sie lebte war
er sicher, denn sie bestand darauf ihn bei
den wöchentlichen Besuchen des Sohnes zu
sehen. Er musste ihn mitbringen.
Als sie starb gab es diese
Verpflichtung nicht mehr. Und offenbar auch
keine andere dem Hund gegenüber, der fünf
Jahre lang auf dem Hof zu Hause gewesen
und dort grau geworden war.

Ende August 07 wurde Robbie
von Ordnungskräften auf der Straße, weit
weg von diesem Zuhause, aufgegriffen und
zurück nach Märkisch Buchholz gebracht.
Zum Glück war er nicht aus diesem Einzugsbereich
entfernt gefunden und einem anderen Tierheim
überantwortet worden, wo niemand etwas von
ihm gewusst hätte. Hier wusste man, wo er
untergebracht gewesen war und benachrichtigte
den „Besitzer“. Der erschien, erklärte der
Hund sei entlaufen und er wolle ihn nicht
zurück. Basta. Wie Robbie nach fünf Jahren,
selbst wenn er einen eigenmächtigen „Spaziergang“
unternommen hätte, sich so weit von seinem
Hof hätte entfernen können, dass er – (der
sich immerhin in seinen Jugendjahren in
einer Großstadt zurecht gefunden hatte)
- offenbar nicht in der Lage gewesen war,
allein zurück zu finden, wurde nicht geklärt
und vielleicht auch nicht erfragt. Warum
auch? Man hatte im Tierheim genug Erfahrung,
um zu wissen, was von solchem Gebaren zu
halten und dass der Hund bei diesem Menschen
sicher nicht mehr gut aufgehoben war.
Ich erfuhr erst zwei Monate
später davon, als mich ehemalige Nachbarn,
die sein Foto in der Bezirkszeitung gesehen
und ihn sofort erkannt hatten, anriefen.
Und diesmal war ich nicht imstande ihn herauszuholen,
hatte sogar erst Wochen später die Möglichkeit
ihn zu besuchen. Sein Kummer sprang mich
förmlich an, obgleich er sich schon weitestgehend
beruhigt hatte, wie mir gesagt wurde; am
Anfang seiner Gefangenschaft hatte er voller
Verzweiflung den Zwinger zerlegt. Er freute
sich so unbändig mich zu sehen - und ich
konnte nichts weiter tun, als Unmengen Fotos
von ihm zu schießen und ihn zumindest an
diesem Tag ausgiebig Gassi zu führen.
Als ich ging, saß er am
Zaun seines Zwingers und sah mir nach –
wie schon so oft. Ich hatte ihm nur versprechen
können, alles zu tun was mir möglich war
um noch einmal ein Zuhause für ihn zu finden
– und ich wusste genau wie klein die Chancen
dafür waren.
Er, der immer mehr Charakter
als Schönheit besessen hatte, war nun neun
oder zehn Jahre alt, klein, krummbeinig,
grauschnäuzig, und alles andere als fotogen.
Sein liebenswertes Wesen konnte nur schwer
über ein Foto transportiert werden; es war
schon damals nicht einfach gewesen, ihn zu
fotografieren, weil außer einem großen schwarzen
Fleck – er – und einem kleinen roten Fleck
– seine Zunge – kaum etwas zu erkennen war.
Inzwischen war die Farbe um den roten Fleck
herum ziemlich grauweiß gesprenkelt, was
aber nur sein fortgeschrittenes Alter erkennen
ließ und auch nicht gerade vermittlungsfördernd
wirkte.
Ich schickte ihn über
sämtliche Internet-Tierschutzverteiler und
-foren,
und setzte ihn auf alle entsprechenden Internetseiten,
wo er das Schicksal hunderter anderer Graubärte
teilte, die mit herzzerreißend ernsten und
kummervollen Gesichtern in eine Welt schauten
die ihnen keinen Platz mehr in ihrer Gemeinschaft
einräumte, die sie ausgestoßen hatte, aus
Gründen die ebenso fadenscheinig wie unbarmherzig
waren.
Sie alle brauchten ein
Wunder, ich aber suchte nur nach einem einzigen: Für einen kleinen, alten, krummbeinigen
Streuner, der vor vielen Jahren in einer
Hafenstadt am Schwarzen Meer geboren und
durch das Schicksal, in Person einer kleinen,
alten, wenn auch nicht krummbeinigen, Frau
mit großem Herzen, hierher in ein fremdes
Land, befördert worden war. Ich brauchte
ein Wunder für mein altes Robbelchen.

Jahresanfang 2008
Suse hieß eigentlich Olga
– zumindest wenn es nach mir gegangen wäre
– und hatte ihre Jugendjahre, die allerdings
noch nicht ganz so lange wie die Robbies
zurücklagen, ebenfalls in jener Hafenstadt
in Bulgarien verbracht. Sie hatte zweimal
eine Tötungsstation von innen gesehen und
schließlich Asyl in der Tierstation Dobrich,
50 km vom Schwarzen Meer entfernt, gefunden,
dem sie allerdings, bis auf die Tatsache
regelmäßiger Futterzufuhr, nichts Positives
abgewinnen konnte. Diesem einen Pluspunkt
sprach sie bis zu Platzen zu, und da ihrem
aktiven Geist so wenig Anregung geboten
wurde wie ihrem – ursprünglich an lange
Wanderungen gewöhnten – langezogenen Dackelmixkörper,
zeigten sich bald die negativen Begleiterscheinungen
eines sesshaften Daseins. Olga-Suse wurde
rund und immer runder. Ihre Gemütslage dagegen
entsprach in etwa der einer wehrhaften Amazone
und war alles andere als jovial, wie einlullend
gemütlich sie auch aussehen mochte.
Sie kam zum Jahresanfang
2006 nach Deutschland und fand für die nächsten
anderthalb Jahre Aufnahme in einer Pflegestelle,
wo sie endgültig zu „Suse“ wurde, und noch
so einige Pfündchen zulegte, sodass sie
schließlich, als ihr endlich, im September
2007, das Vermittlungsglück winkte, ein
wenig wie ein Rollbraten aussah – wenn auch
einer mit scharfen Zähnen.
Die Berichte über Suses
glückliches Zuhause ließen mich neidvoll
seufzen und meinem armen Robbie einen ähnlichen
Lottogewinn wünschen.
Zunächst.
Dann kam – begleitet von
weiteren Seufzern, die Erkenntnis, dass
auch Suse – nach allgemein gültigen Maßstäben
jedenfalls – nicht als der Prototyp eines
besonders herzigen Hundes anzusehen war
und dass sie immerhin mehr als 18 Monate
auf ihr Glück hatte warten müssen – wenn
auch Gottlob nicht hinter Zwingergittern.
Aber Suse war nicht zehn
Jahre alt.
Rein rechnerisch hatte
Robbie weitaus weniger Zeit zu verwarten.
Darauf dauerte es dann
nicht mehr allzu lange, bis mir einfiel,
dass Fragen schließlich nichts kostet –
und die Frage um die es ging sollte lauten,
ob man es sich vielleicht vorstellen könnte,
einen zweiten, vom Schicksal hart gebeutelten,
bulgarischen Vierbeiner in die Familie aufzunehmen?
Bis besagte Frage von
mir an Suses ehemalige Patin, über Suses
ehemalige Pflegemutter an die korrekte Adresse
gerichtet wurde, verging einige Zeit.
Dafür lautete die Antwort
– hoffnungsträchtig auf meinem Anrufbeantworter
summend - Knall und Fall „Ja“ – immer vorausgesetzt
Suse war einverstanden.
Ich vergaß meine Abneigung
gegen Telefonate mit unbekannten Personen
und hängte mich sofort an den Hörer, zappelig
vor Aufregung, dass das Schicksal, dieses
unberechenbarste Element der Schöpfung,
doch noch einmal einen Blumenkranz aus seinem
Füllhorn in Robbies Richtung geworfen hatte.
Ja, die Familie wollte
ihn haben. Ja, sie wollten ihn so schnell
wie möglich holen. Nein, er sollte keinen
Tag länger als notwendig im Tierheim sitzen.
„Er ist ein ganz, ganz
Lieber!“ sagte ich heftig schnüffelnd. „Aber
er ist ein Läufer. Egal wie alt, egal wie
krummbeinig – er rennt. Kilometerweit wenn’s
drauf ankommt. Immer noch. Wie fit sind
Sie?“
Diese Aussage setzte seinen
Chancen noch einen gehörigen Pluspunkt auf,
denn Suse Rollbraten war den langen Wanderungen
der Familie überaus abgeneigt und man hegte
die Hoffnung, dass ein lauffreudiger Kumpel
der Dame Beine zu machen imstande sein könnte.
Vorausgesetzt sie war
einverstanden...
Nach allem was ich von
Suse wusste konnte diese Doktrin als ernstzunehmendes
Hindernis angesehen werden, dennoch erschien
mir die Entschlossenheit der Familie, die
mir da durch den Hörer entgegenkam ausreichend
zu sein, um Suse zu überzeugen – jedenfalls
wurde ein Termin festgelegt – nämlich der
2.Februar 2008 – an dem man, samt Suse im
Fond – aus dem fernen Stade nach Brandenburg
reisen wollte, um einen alten schwarzen
bulgarischen Vierbeiner aus seinem Zwinger
zu befreien und in ein endgültiges Zuhause
zu bringen.
Märkisch Buchholz wurde
informiert und erklärte sich, angesichts
der Entfernung - (und meiner Beredsamkeit)
- bereit, von der mindestens zweimaligen
Besuchspflicht abzurücken, und von der Hundetauglichkeit
der Interessenten auszugehen, zumal für
eine Nachkontrolle auf jeden Fall gesorgt
war.
Not kennt kein Gebot;
ich hatte bereits im Dezember eine Tierkommunikatorin
gebeten Robbie zu kontaktieren und ihn,
wenn möglich, zu beruhigen und seelisch
aufzubauen. Sie hatte allerdings meine Einschätzung
bestätigt, dass schnellstens eine Lösung
gefunden werden musste.
„... keiner hat eben Zeit,
ich bin satt und versorgt, ich werde gut
behandelt, es ist nicht so schlecht, nur mir tut
es eben weh... ich habe Angst, immer
hier bleiben zu müssen, ich bin gerne dabei,
neben jemandem, oder dahinter, aber nicht
gerne alleine, ich bin lange genug in meinem
Leben alleine gewesen, man kann sich daran
gewöhnen, viele tun dies, für mich wäre
es mein letzter Gang, an dies kann ich mich
nicht gewöhnen... es ist so eine Unruhe
in mir drinnen, die tut weh, ganz tief in
mir drin tut es sehr weh...“
Das hatte er „gesagt“.
Und es hatte mich fix und fertig gemacht.
Ich wusste, dass er gut
behandelt wurde. Und ich wusste auch, dass
niemand wirklich Zeit für ihn haben konnte.
Und ich wusste, was er hinter sich hatte.
Diese Chance, die sich
jetzt hier bot, war sehr wahrscheinlich
seine letzte, und wenn sie von Suse abhing,
dann musste Suse bearbeitet werden.
Gabi, Suses Pflegemutter,
hatte ebenfalls Kontakt zu einer Tierkommunikatorin
– und nun wurde mit Suse „telefoniert“.
Das Resultat war erstaunlich.
Suse hatte nichts gegen einen Kumpel. Im
Gegenteil. Als ehemalige Streunerin mit
einem Rudel treu ergebener Vasallen am Schwanz,
war sie sogar ausgesprochen angetan von
der Idee wieder mit jemandem ihresgleichen
zusammenleben zu können. Allerdings: sie
wollte ihr eigenes Körbchen; und sie wollte
ihren eigenen Fressnapf. Völlig akzeptabel.
Und sie wollte ein rotes
Halsband, und der Neue sollte ein grünes
haben.
Dazu muss man sagen, dass
Hunde nur ein beschränktes Farbspektrum
wahrnehmen. Vergleichen lässt es sich mit
starker rot-grün-Fehlsichtigkeit bei Menschen,
das heißt ein Hund sieht Objekte, die für
uns rot sind in gelb, während das
grün farblos ist. Suse wollte also ganz
klar ein für sie – und somit natürlich auch
für jeden anderen - deutlich erkennbares
Rangabzeichen, welches den „Neuen“ ebenso
deutlich auf den zweiten Platz verweisen
würde.
Ich war mir sicher, dass
Robbie damit würde leben können. Er
kannte die Gesetze der Hierarchie.
Dennoch bat ich die Tierkommunikatorin
ihn vorzubereiten. Sicher ist sicher.

2.Februar 2008
Punkt 10.00 Uhr standen
wir vor dem Tor. Suse, die sich als liebenswertes
Fellpaket herausgestellt und mich überaus
freundlich begrüßt hatte, schnüffelte aufmerksam
den Waldrand ab, von dem das Tierheim eingerahmt
wurde. Die ersten Fellnasen innerhalb des
Terrains gaben ihre – hoffnungsvollen –
Begrüßungskläffer ab.
Aber sie würden alle leer
ausgehen.
Bis auf einen. Hoffentlich.
Während die Interessenten
sich mit Suse in Richtung des Hundeauslaufes
bewegten, ließ ich Robbie aus dem Zwinger
holen. Gewöhnt an seine überschwänglichen
Begrüßungen sah ich verdutzt wie er mir
ein freundliches Wedeln gönnte und so schnurstracks
wie zielstrebig an mir vorbei zum Ausgang
marschierte – zum Ausgang, nicht zum Auslauf.
Der lag in der entgegengesetzten Richtung.
Ich lasse mich hängen,
wenn er nicht Bescheid wusste!
Ich schob ihn in die andere
Richtung und wartete beklommen auf die Begrüßung
der beiden, die aber so wünschenswert wie
unspektakulär verlief. Suse verharrte abwartend,
brummte zwar unwirsch als Robbie ihre Heckpartie
beschnuppern wollte, zeigte aber keine Feindseligkeit,
da dieser auch sofort zurückwich. Robbie
seinerseits verhielt sich wie jemand, der
um keinen Preis anecken, sondern den bestmöglichen
Eindruck erwecken wollte. Meiner Ansicht
nach war er sich völlig klar darüber, dass
es hier um eine wichtige, wenn nicht sogar
seine letzte Chance ging. Die folgenden
zwei Stunden wurden mit Spazierenrennen
ausgefüllt, was einzig Robbie nicht aus
der Puste brachte. Suse, von dem Wunsch
beseelt die Nase vorn zu behalten, kämpfte
sich redlich ab, das kleine Krummbein – und
gegen sie wirkte er tatsächlich nahezu klein
– zu überholen, während die Interessenten
sich bemühten mit beiden Schritt zu halten.
Ich hielt mich heraus.
Zum einen war mir das Marschtempo zu flott,
zum anderen war ich der Meinung, mein Soll
in dieser Hinsicht schon vor Jahren übererfüllt
zu haben, und zum dritten war dies das Feld
seiner künftigen Familie. Nicht meines.
Ich glaube auch nicht, dass er mich vermisste.
Erst als alle im Büro
saßen und die Formalitäten erledigt wurden
kam er zu mir, stupste mich an und rieb
seinen Kopf an meinem Knie. Ich beugte mich
zu ihm, kraulte seine breite Brust, und
er sah mich an. Zum letzten Mal.
So haben wir uns verabschiedet
– wie ich hoffen will, auch zum letzten
Mal.

Um 11.50 Uhr saß er, zusammen
mit Suse, im Fond des Kombi, völlig gelassen
und selbstverständlich, mich, die ich draußen
mit der Kamera herumtanzte und unbedingt
noch ein Abschiedsfoto schießen wollte,
mehr als nur ein wenig ignorierend. Er hatte
dieses Kapitel beendet und ein neues aufgeschlagen.
Der Wagen rollte die Auffahrt
hinunter und diesmal war ich diejenige die
zurückblieb und hinterher schaute.
Und irgendwie tatsächlich
auf den Hinterläufen sitzend, mit tropfender
Zunge.
Auch wenn das niemand
gesehen hat und es mehr die Augen waren,
die tropften.

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