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Lucky 
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Es sind manchmal die belanglosen und trivialen Anlässe, die
trotz oder gerade wegen ihrer Unwichtigkeit dafür sorgen, daß man – wie von
einer Fernsteuerung geleitet – zu einer bestimmten Zeit zu einem bestimmten Ort
kommt, um Teil einer Begegnung zu werden, die unvorhersehbar war, und doch wohl
Teil einer Vorsehung gewesen ist.
Anfang Dezember 2005, an einem Samstag, klingelte es an
unserer Haustür. Es war später Nachmittag, unser Enkel war bei uns zu Besuch,
eigentlich kam jede Störung für mich sehr ungelegen. Vor der Tür stand eine
Frau, die bei uns in der Gegend wohnte. Sie schien ziemlich aufgelöst, erzählte
umständlich von ihrem Hund, der sich sehr merkwürdig verhielte, wohl erkrankt
sei. Sie hatte vergeblich versucht, den Tierarzt, bei dem sie schon einige Male
gewesen sei, telefonisch zu erreichen. Sie wüsste nun nicht, was sie jetzt machen
solle. Sie redete und redete; ich konnte für mich nicht entscheiden, ob es nun
ihrem Hund oder aber ihr selbst schlecht ginge...
Mir war bekannt, daß eine mit uns befreundete, in der Bremer
Innenstadt wohnende Tierärztin an jenem Wochenende den tierärztlichen Not- und
Bereitschaftsdienst anbot. Ich wollte der Frau die Adresse geben, aber sie fing
an zu jammern, weil sie sich in der City nicht auskennen würde, und sich
sowieso immer verfahre, und weil sie nicht wüsste, wie sich der Hund im Auto
verhielte... Irgendwie sah ich den gemütlichen Familiensamstag mit Enkel am
Horizont verschwinden. Außerdem meinte ich während des Jammerns zu bemerken,
daß die arme Frau ob ihres großen Kummers wohl einige Likörchen eingenommen
hatte, und kam zu dem Schluss, daß eine Fahrtauglichkeit wahrscheinlich nicht mehr
vorhanden war. Dies hätte mir zwar eigentlich egal sein können. Aber dem armen
Hund musste schließlich geholfen werden. Bye bye Familientag, ich lud Hund und
Frau ins Auto, und fuhr gen Innenstadt.
Lilika, die Tierärztin, wohnt ein einer kleinen,
verwinkelten Seitenstraße fast im Stadtzentrum. Die Parkplatzsuche ist in
dieser Gegend immer ein Geduldsspiel, aber irgendwann hatte ich den Patienten
und das jammernde Frauchen endlich in die Praxis verfrachtet. Während die
Beiden mit Lilika im Behandlungszimmer waren, blieb ich im Wartezimmer, starrte
Löcher in die Luft, und hoffte, bald wieder nach Hause zu können. Vielleicht ließe
sich vom gestörten Familientag ja noch etwas retten...
Vom Wartezimmer aus führen zwei Türen zum Behandlungszimmer
und zu einem anderen Raum. Die Tür des zweiten, unbenutzten Raums stand einen
kleinen Spalt breit offen. Diese Tür bewegte sich plötzlich, sehr langsam und
in kleinen Schüben. Der Türspalt verbreiterte sich, und dann kroch ein kleines
grauschwarzes Etwas mühsam durch die Tür, und dann direkt über meine Füße. Ich
war fassungslos, und sehr angerührt von diesem undefinierbaren Etwas, das sich
wie in Trance bewegte und gar nicht richtig bei sich schien. Ich hob dieses
magere, federleichte und staksige Wesen vorsichtig hoch. Der kleine Körper kam
zur Ruhe, er ließ sich in meinem Arm richtig fallen. Das Fell war dreckig,
verfilzt, die Haut darunter wirkte klebrig, fast schimmelig. Und das Wesen
stank wie ein kleines Gülle-Fass. Immerhin war zu erkennen: Es war ein Hund,
ein kleiner Rüde, ohne Muskulatur, mit eingewachsenen Krallen, unendlich
dreckig, mit vielen Narben. An einem Vorderlauf war eine Stelle rasiert, dort
war wohl ein Venenzugang gelegt gewesen, die Stelle war frisch abgeklebt. So
saß ich da, mit einem fast toten kleinen Hund im Arm, meine Gedanken drehten
sich im Kreis.
Als Lilika heraus kam, hielt ich ihr das kleine Fellbündel
entgegen. Sie erzählte, daß am Mittag eine Frau – eine von der ganz
unangenehmen Sorte – da gewesen sei, und verlangt hätte, dass Lilika den Hund
töten solle, weil er wertlos sei. Und wenn Lilika dies nicht täte, würde sie
woanders hin gehen, irgendwen würde sie schon finden... Lilika lehnt solche
Ansinnen grundsätzlich ab. Um Diskussionen zu vermeiden, legte sie den armen
Hund in eine leichte Narkose, sagte aber dieser Frau, daß die Euthanasie
vollzogen sei. Kaum war diese fort gegangen, entfernte Lilika einige verfaulte
Zähne und einige Eiterherde, um einer drohenden Sepsis vorzubeugen, und nahm
Blut für einen Schnelltest ab. Danach führte sie dem ausgetrockneten Körper
subkutan Flüssigkeit zu, und leitete das Ende der Narkose ein. Im Laufe des
Nachmittags „brummte“ die Praxis, viel Zeit für den armen kleinen Hund blieb
nicht. Dies war der Stand der Dinge, als mir das kleine grauschwarze Etwas über die Füße
kroch.
Lilika führt einen sehr südländischen, lauten, lebhaften
Haushalt, hat zwei ebenso lebhafte Kinder und zwei große Hunde. Kein sehr
günstiges Umfeld für einen fast toten, pflegebedürftigen Hund. Sie wusste auch
nicht so recht, wie es mit dem Hund – Hannelore nannte ihn später „Lucky“ – weitergehen
sollte. Ohne weiter nachzudenken sagte ich zu ihr, dass ich ihn mitnehmen wolle.
Sie war merklich erleichtert. Sie kannte Nadia sehr gut, die bei uns nur einen
Sterbeplatz einnehmen sollte, jedoch dann noch jahrelang ein sehr fideles Leben
führte - vielleicht hätte sie wegen Lucky sowieso bei uns nachgefragt. So fuhr
ich zurück, mit einem Hund mehr an Bord, als bei der
Hinfahrt. Und so begann die unglaubliche Geschichte
mit Lucky. Hätte ich die Likörchen der Besucherin nicht
gerochen, wäre Lucky nicht über meine Füße gekrochen.
Ein merkwürdiges Schicksal hatte uns zielsicher zusammen
geführt. Es sollte wohl so sein. Nach zwei behutsamen
Badegängen, einer ebenso behutsamen Krallenpflege und
ständiger, vorsichtiger Flüssigkeitszufuhr per Spritze
ging dieser Tag mit Wachen und Hoffen zu Ende.

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Der folgende Sonntag war ein Tag der
Erkenntnisse. Luckys Blutwerte waren verheerend, er
hatte das Blut einer Leiche. Eine Blutwäsche und Nieren-Unterstützung,
mehr war momentan nicht zu tun. Ich versuchte, ihn mit
Rinder-Serum über den Tag zu bringen. Einige Einzelheiten
konnten wir über Luckys Vorleben in Erfahrung bringen.
Lucky fristete sein bisheriges Leben in einer dieser
unbeschreiblichen Behausungen, in denen sich Schichten
von Müll, Dreck, Exkrementen und wohl auch leeren Schnapsflaschen
auftürmten. Er war jahrelang nicht ins Freie gekommen.
Von den „Bewohnern“ wurde er im Suff wohl oftmals misshandelt.
Er musste von billigstem Katzenfutter oder buchstäblich
von Dreck leben. Mir ist es bis heute rätselhaft, wie
er dieses Martyrium so lange Jahre lang überleben konnte.
Irgend etwas hinderte ihn wohl beim Sterben, irgend
etwas war für ihn auf dieser Welt wohl noch zu tun.
Und wie durch ein Wunder begannen
mit dem Anfang der neuen Woche für Lucky rasende Fortschritte.
Das Rinderserum konnte durch Hühnerbrühe ersetzt werden.
Dann mixte ich die weitere Aufbaunahrung aus Kartoffelbrei,
gekochtem Rinderhackfleisch, gekochten Möhren und Hüttenkäse.
Der kleine Kerl kam zu Kräften, versuchte schnell, wieder
auf seinen kraftlosen Beinen zu stehen, lernte in Rekordzeit
wieder, richtig zu laufen – und dies mit einem wunderbar
leichten, federnden, jungenhaften Gang. So etwas wie
„Stubenreinheit“ hatte Lucky wohl nie kennen gelernt.
Innerhalb einer einzigen Woche war er in dieser Hinsicht
perfekt.

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Die Hundesenioren verhielten sich
zu Lucky von Anfang an äußerst rücksichtsvoll und behutsam.
Der kleine Hund war, als er zu uns kam, sehr verunsichert.
Wahrscheinlich hatte er nie Kontakt mit Artgenossen.
Lisa hielt sich sehr abseits, Max übernahm eine behutsame
Führung, und Nadia vermittelte mit ihrer Güte und Altersweisheit
wohl eine große Menge von Informationen über die Hundegruppe
und die Menschen und die neue Umgebung. Lucky sog alle
Neuigkeiten und alle unbekannten Eindrücke auf wie ein
Schwamm. Mitunter befürchtete ich, daß all die unbekannten
Dinge ihn erdrücken könnten.
Lucky schloss sich mir schon ab dem ersten Tag bedingungslos
an. Dies führte so weit, daß er sofort mit hoher Stimme leise und klagend
weinte, wenn ich mal ohne ihn das Haus verlassen musste. Er konnte wohl nicht
bellen, jedenfalls habe ich ihn nie bellen gehört. Als er noch nicht laufen
konnte, war sein Schlafplatz bei Nadia. Als er dann laufen konnte, wollte er
unbedingt zu mir aufs Bett, und schlief neben mir, immer mit Körperkontakt. Max
teilte seinen angestammten Platz auf meinem Bett gern. Es gab während der Zeit
mit Lucky niemals ein Anzeichen von Eifersucht oder Neid.
Nach Luckys rasanten Fortschritten beim Erlernen des Gehens
und des koordinierten Bewegens konnten wir schnell gemeinsame Ausflüge
unternehmen. Jeder Spaziergang ins Freie bescherte für Lucky augenscheinlich
überwältigende Erlebnisse und Eindrücke. Die vielen Gerüche ließen ihn immer
wieder erstaunt verharren. Die Natur, so karg sie sich in ihrem
spätherbstlichen Charme auch darstellen mochte, ließ ihn fassungslos umherstreifen,
er konnte einen windbewegten Grashalm minutenlang beobachten. Wir trafen eine
Amsel, die auf dem Weg unter dürrem Laub nach Fressbarem pickte. Lucky setzte
sich ganz vorsichtig hin, und konnte sich nicht satt sehen an diesem Wunder der
Natur, an diesem unbekannten Mitgeschöpf, an diesem Teil einer für ihn bis
dahin verschlossenen Welt. Dieses Bild des sitzenden Lucky vor dem Amselmann
hat sich in meinem Kopf eingebrannt; immer, wenn ich daran zurück denke,
steigen Tränen in meine Augen.
Während der ganzen
Zeit der Gemeinschaft mit Lucky passte sich die gesamte
Rentnerband wie selbstverständlich dem langsamen, bedächtigen
und sorgsam untersuchenden Tempo von Lucky an. So zogen
wir immer als homogene Gruppe durch die Landschaft:
Max meist in meiner Nähe, Lucky nicht weit weg und alles
betrachtend und untersuchend, Nadia war eigentlich immer
überall, und Lisa zog ihre Kreise rund um uns herum.
Es war eine harmonische und intensive Zeit, die Furcht
vor der Zukunft verdrängend.
Lucky entwickelte
sich sehr rasch und sehr gut. Seine Haut bekam eine
angenehme Beschaffenheit und eine gesündere Farbe. Das
Fell wuchs fast überall in Rekordzeit und wurde sehr
weich. Er offenbarte eine für sein Alter und seine Vorgeschichte
erstaunliche Sehkraft. Seine Kondition und seine Muskulatur
entwickelten sich so zügig, daß wir bald längere Touren
durchs Revier unternehmen konnten. Was blieb, war seine
bedingungslose Anhänglichkeit an mir, und seine deutlich
spürbare Verlustangst.
Unsere Arztbesuche
wurden recht selten. Alle Blutwerte und Prognosen blieben
niederschmetternd, ganz im Gegensatz zu der scheinbar
positiven äußerlichen Entwicklung. Wir versuchten, alle
Sorgen und Zukunftsängste zu verdrängen, und lebten
von einem Tag zum Nächsten. So vergingen der Dezember
und der Januar.
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Im Februar häuften sich die Tage der
Appetitlosigkeit. Sein Verhalten und seine fühlbare
Freude am Leben hatten sich nicht verändert, aber irgendwie
hatte man mitunter den Eindruck, dass über den kleinen
Lucky dunkle Wolken aufzögen. Und das Finale kam dann
irgendwann recht plötzlich:
In der Nacht von Samstag auf Sonntag,
dem 19. Februar 2006 erschütterten ihn mehrere Krampfanfälle.
Einer davon in seiner maßlosen Brutalität ein Vorbote
der Ausweglosigkeit. Er erholte sich recht schnell,
wiewohl die am Sonntagmorgen in die Wege geleiteten
Diagnosen keinen Raum für Hoffnung ließen. Mittwoch
und Donnerstag verliefen in scheinbar beschwerdefreier,
fast ausgelassener Normalität.
Donnerstagnacht
dann die nächste, finale Krise. Die Nieren versagten vollends ihren Dienst, das
Blut zu sauerstoffarm, um Organe und Gehirn noch genügend zu versorgen.
Infusionen spülten die Nieren nur kurzzeitig, der arme Lucky war zeitweise
neben sich, sein Klagen wie kleine Schreie. Lilika versuchte ein letztes Mal,
mit einer Blutwäsche Linderung zu verschaffen. Ich musste Lucky eine zeitlang
bei ihr in der Praxis lassen. Lucky lag wie im Koma, ich glaubte, ihn für eine
Zeit allein lassen zu können. Während der Rückfahrt zu Lucky erreichte mich ein
Anruf von Hannelore. Sie hatte mit Maria telefoniert. Mitten während dieses
Gesprächs meinte Maria, dass sie eine Nachricht von Lucky hätte: Peter solle
schnell kommen und ihn wieder abholen. Der Ort, an dem er sich befände, sei
nicht schön (Maria konnte sogar die Umgebung dort beschreiben), und an diesem
Ort könne ihm nicht mehr geholfen werden. Dies war für mich eine erstaunliche
und kaum glaubliche Nachricht.
Ich eilte zu Lilika
und holte Lucky ein letztes Mal von ihr ab. Er war wach,
und er merkte, daß es nach Hause ging. Dort angekommen,
schlief er ganz ruhig bis zum Nachmittag. Allerdings
hatte ich nach seinem Erwachen den Eindruck einer quälenden
und rastlosen Unruhe. Was tun?
Zusammen mit der
ganzen Rentnerband ging ich, Lucky in einer warm gepolsterten
Hundetragetasche mitgenommen, einen Gang auf einem der
Lieblingspfade durch das Revier. Lucky war ganz leise,
ganz ruhig, ganz klein. Er nahm die noch so neue Welt
draußen ein letztes Mal in sich auf, die Augen waren
wach, sehend. Es war gut, ihn auf diesem Gang mitgenommen
zu haben.
Wieder zuhause,
schlief er ruhig ein, um nicht mehr aufzuwachen. Gegen
21:00 Uhr wurden die dünnen Atemzüge ganz langsam, ein
letztes Ausatmen mit etwas Resignation und viel Endgültigkeit.
Das kleine Herz schlug noch zweimal, und schwieg dann
still. Kein Kampf, kein Krampf, das kleine Bündel in
meinem Arm hatte nicht nur seinen Frieden, es zeigte
mir auch diesen Frieden.
Jeder Abschied ist
ein kleiner Tod.
Lucky hatte im letzten
Abschnitt seines Lebens die Gelegenheit, eine Welt kennen
zu lernen, die ihm früher verschlossen geblieben war.
Es war wohl seine Bestimmung, die Eindrücke dieser für
ihn so neuen Welt in sein nächstes Leben mitzunehmen,
bevor er dieses Leben hier verließ. Dieser Gedanke ist
für mich irgendwie tröstlich, andererseits bleibt in
mir Trauer: Ich hätte ihm so gerne den warmen, blühenden
Frühling gezeigt, mit seinen Düften, seinen Farben,
seinem prallen Leben... Leider konnte ich dem kleinen
Lucky nur die Welt des Spätherbstes und des Winters
zeigen. Sei’s drum, es war wohl so vorherbestimmt.
Wir sehen uns irgendwann
und irgendwo wieder, Du und alle anderen treuen Seelen,
die viel zu schnell gehen mussten.
Und dann ist richtig
was los…. Auf der Regenbogenbrücke.
Ein letzter Gruß von Peter. |
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